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Auszug aus „Lieber Herr Crohn“: Bauchbilanz

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Lieber Herr Crohn,

zum Jahresende macht man gerne Rückblicke und erstellt Bilanzen. Nicht nur kaufmännischer Natur, auch was das sonst Erlebte betrifft. Mal nachsehen, was sich so ereignet hat im Lauf des Jahres, an Gutem, Schlechtem, Schönem, Hässlichem … ein mentaler Kassasturz. Ob es dabei Sinn macht die guten mit den weniger guten Dingen gegenzuverrechnen bezweifle ich. Manche tun´s, ich halte es für sinnlos. Man hatte beides und ändern kann man es nicht. Für die Erinnerung macht es wenig Sinn, das eine durch´s andere aufzuwiegen – bei mir hat das nie funktioniert.

Aber das Rückblicken und Inventieren der Ereignisse finde ich gut. Es macht so ein Jahr begreifbarer. Nicht verständlicher, aber es bietet die Möglichkeit, das eine oder andere nun abzuschließen.

Vorhin habe ich meinen Bauch einer Bilanz unterzogen. Rein optisch schaut er gut aus, ich kann mich damit sehen lassen. Helle Haut, aber nicht zu bleich, flach, kaum fett, ansatzweise sogar so etwas wie Bauchmuskeln (inniger Dank an meine Physio-Therapeutin und meine Antara-Trainerin!). Seitlich rechts sind ein paar helle, seidenweiße Streifen. Die stammen noch von den Schwangerschaften, das kann man gut und gern als Ehrennarben zeigen und stolz drauf sein. Darunter eine so gut wie verblasste Blinddarmnarbe, auch schon bald 30 Jahre her diese Geschichte, nichts besonders.

Der Nabel ist rundum ein wenig dünkler, ein Überbleibsel vom Ausschlag, den ich dem vorletzten Crohn-Medikament verdanke. Diese Nebenwirkung scheint geblieben zu sein, das Ekzem versucht immer wieder ans Licht zu kommen. Aber heute war alles ok und gut.

Sonst gibt es nichts zu sehen. Nichts außergewöhnliches, der ganz normale Bauch einer nicht mehr ganz jungen, noch nicht sehr alten, schlanken Frau, die nicht oft in der Sonne liegt.

Die Narben unter der Bauchdecke sieht man außen nicht. Auch die Fistel-Drainage und alle damit zusammenhängenden Erscheinungen sind unsichtbar – zumindest im Bauchbereich. Da wo man was sehen könnte, schaut keiner hin, hat keiner was zu suchen, außer mir und meinen eingeweihten, zugelassenen Ärzten.

Man kann dich nicht sehen. Nach wie vor nicht. Du versteckst dich tief in mir.

Weißt du, woran man erkennt, ob das Tier, dessen Leder man vor sich hat, in Freilandhaltung großgeworden ist? Es sind die Narben, die einem das erzählen. Narbiges Rindsleder bedeutet, die Kuh hat auf einer Weide gelebt und da vermutlich auch einiges erlebt.

Was das betrifft kann ich mich bauchnarbentechnisch als sanftes Weiderind ausgeben.

Dreht man die Haut aber nach außen, vermarketet sie von innen her, schaut es aus als wäre ich der rabiate Bulle von der Alm, der sich mit allem anlegt, was größer als ein Gänseblümchen ist.

Ich habe Bilder, die das schön zeigen. Wobei “schön” hier nicht den Gegenstand der Motive bezeichnet.

Wo bei anderen zartrosa und fleischfarben von dunkel bis hell dominiert, schreien bei mir hellrote, gelbe, schwarzrote und leicht graubeige Flecken ihr wildes Dasein hinaus. Narben, Entzündungen, Pseudopolypen zeichnen ein Bild von einer wilden, ausgeuferten, zerstörerischen Party. Fast erwartet man irgendwo, hinter der nächsten Biegung, ein paar zerscherbte Flaschen zu sehen. Aber stattdessen ist da eine hässliche Engstelle, die den fotografierenden Kolloskopierer jedesmal vor eine Herausforderung stellt. Bis jetzt hat er sie immer gemeistert und das beudeutet im Fachsprech, dass sie, weil passierbar, noch nicht zum Operieren ist. “Narbige Stenose” nennt man diesen Engpass am Weg. Und da sie narbig ist, geht sie von alleine nimmer weg. Durch die vielen Entzündungen hat sich hier hartes, frustrierend zähes Gewebe angesammelt. Wenn man sich immer wieder an der gleichen Stelle aufschürft schaut das ähnlich aus. Nur am Knie, am Ellbogen oder sonstwo außen stört das nur die Optik. Innen drinnen, wo der Platz ohnehin schon begrenzt ist, wird es irgendwann eng. Wird es irgendwann zu eng, muss sie weg, die Engstelle. Sonst wird eine Blockade draus und dann wird’s hochgradig unlustig.

Aber noch ist sie da und darum ist außen nichts da – keine OP Narbe. Insofern ist die Jahresbilanz heuer optisch ok.

Inhaltlich weniger.

Während meiner Reha im Mai habe ich auch ein Bauchbild gemalt. Eines wo man sieht, wie ich mich innen sehe, also wie ich dich sehe. Ich konnte es nach Fertigstellung tagelang nicht anschauen und kann es heute noch nicht wirklich. Hässlich trifft es nicht ganz. Beängstigend, brennend duster, grausam wild, eine Katastrophenlandschaft die an Dantes Inferno, einen ausbrechenden Vulkan oder die Marsoberfläche bei Nacht erinnert.

Halte ich die Bilder der heurigen Kolloskopien daneben, wird aus dem Ganzen eine harmonische Bilderschau inneren Grauens. Ob ich eine Vernissage daraus machen sollte?

Außen ist alles hübsch, glatt, normal, flach, hell. Drin herrscht Wahnsinn, Blut und Anarchie.

“Außen hui, innen pfui” ist so ein alter Spruch, den ich als Kind oft von Großmüttern und älteren Tanten gehört habe. Damit wollte man mich dazu bringen, nicht nur das Zimmer optisch zu reinigen, sondern auch die Kästen und Schubladen aufzuräumen.

Damals war es mir egal.

Heute seh ich das anders. Aber die Tanten und Omas sind nicht mehr da, damit ich ihnen sagen kann, dass ich die Lektion gelernt habe, mir aber die Mittel und Wege fehlen, sie in mir anzuwenden.

Lieber Herr Crohn, kannst du bitte mal deinen Saustall da unten aufräumen? Die Wände glätten, neu streichen, den Müll rausbringen und ein bisschen mehr zartes Rosa statt dem agressiven Rot als Deko verwenden? Wirst sehen, dass sich das dann auch positiv auf deine Laune auswirken wird. Eine hübsche Umgebung macht einfach mehr Freude. Ich bin mir zwar sicher, dass unser beider Begriff von “hübsch” sehr unterschiedlich ist. Aber es ist auf jedenfall mal einen Versuch wert.

Weil, lieber Herr Crohn, ich möchte auch nächstes Jahr so eine Bauchbilanz machen und da wäre es echt fein, wenn ich außenoptisch das gleiche sehe wie heuer – keine OP Narbe. Und guten Gewissens sagen kann: “Außen hübsch, innen fesch!”

Nicht weil ich eitel bin. Sondern weil ich gerne weiter zu den 30% gehören möchte, die es schaffen keine crohnbedingte Darmoperation zu haben.

Das wäre echt fein, wenn wir das zusammenbringen würden. Ich bin lederoptisch einfach lieber ein sanftes Weiderind, mit kaum sichtbaren Narben, als ein wilder Stier, mit unbewältigtem Aggressionspotential.

LieberHerrCrohnBuchMit hoffnungsvollen Vorsätzen, Neujahrswünschen und Grüßen,

Michaela

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