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Aus dem Bauch, vom Hirn aufs Blatt – wie ich schreibe

Patricia hat mir beim Beitrag Expressives Schreiben einen Kommentar mit einer Frage hinterlassen: „Wie gelingt es Dir, alles aus dem Hirn zu Papier zu bringen?

Ich wollte zuerst eine Antwort direkt in die Kommentare hineinschreiben. Doch die Antwort wurde länger und länger und immer vielschichtiger. Also ist es nun ein eigener Blog-Beitrag geworden. Auch weil ich diese Frage schon öfter gehört habe, in Variationen.

Das Thema passt zwar auf den ersten Blick nicht in meinen Crohn-Blog – hier geht es ja nicht um Schreib & Kreativitätstipps. Andererseits hoffe ich, dass sich andere von meinem Tun vielleicht inspirieren lassen und selbst beginnen, ihre Ideen und Erlebnisse aufzuschreiben. Egal ob es sich um Crohn oder andere Probleme im Dasein handelt.

Eins vorweg: Ich bin kein Schreibprofi – ich sehe mich zumindest nicht so. Ich schreibe viel, schon sehr lange und habe immer gerne geschrieben (und gezeichnet). Ich habe auch während meiner beruflichen Tätigkeit immer wieder mit Kund*innen am „Schreibthema“ gearbeitet, im Rahmen einer Einschulung in die Wartung eines Blogs oder bei einer Marketing-Beratung, wenn das Thema auf die Weitergabe von Infos und Inhalten gekommen ist.

Dabei ist mir ein roter Faden aufgefallen: Die Angst vorm weißen Blatt ist am weitesten verbreitet. Und mindestens so groß ist der Druck, den man sich macht, wenn es darum geht laufend (und wenn möglich gute) Inhalte zu liefern.

Beides zusammen kann zu einer Kaninchen-vor-der-Schlange-Starre führen und speziell Anfänger*innen verharren dann im ehrfürchtigen Schockzustand, trauen sich zu wenig zu und scheuen davor zurück, einfach mal die Sau herauszulassen – übertragen gesprochen. Dabei ist  genau das die Lösung: Einfach tun.
Besagte Sau ist meist sehr erdig und wenig geschliffen. Timing ist ihr egal, sie kommt, wenn es ihr passt. Sie riecht ein Thema, das ihr schmeckt und will dazu nach Trüffeln graben. Oder was Schweine halt so suchen, wenn sie buddeln.
Zieselierte Formulierungen, perfekte Grammatik, gewagte Satzkonstrukte und dergleichen sind der Sau wurscht – sie will galoppieren, buddeln, sich in ein Thema verbeißen.
Bremst man sie ein, weil man sich von anderen einschüchtern lässt, nach Schema F vorgehen möchte, mit der Grammatik auf Kriegsfuß steht, zuerst einen Schreibkurs besuchen will, oder sich schlicht selbst als nicht gut genug empfindet, reagiert die Sau verschnupft und pfeift sich davon.

Schade. Denn so ein Ideen-Schweinchen ist ein sensibles Vieh und wenn man es vergrault, dann kann es sein, dass sie lange braucht, bis sie wieder raus kommt aus dem Erdloch, in das sie geflüchtet ist.

Und dann sind da noch die Musen.

Im alten Griechenland hielt man die Musen für die Verursacher der kreativen Ideen. Mittels Kuss wurden diese auf einen passenden Empfänger übertragen, der dann für die Umsetzung zu sorgen hatte.
Leider ist das aber mit den Musen so, dass die fallweise recht hämische Krätzn sind, die sich entweder ewig bitten lassen und  kein Ohr krümmen. Oder sie überfallen einen zur Unzeit (beim Duschen, am Klo, beim Zähne putzen, Gassi gehen, Kochen, mitten in der Nacht, im Traum …) und bevorzugt an Orten, wo man nichts zum Schreiben mit hat.

Ich hab es aufgegeben, die Götter erziehen zu wollen und die Musen zählen lt. griechischer Mythologie bekanntlich dazu. Statt dessen versuche ich für eventuelle Überfälle immer gerüstet zu sein. Ein Block mit Stift neben dem Bett, ein Schreibheft in der Handtasche, Post-its griffbereit beim Esstisch und mein Handy habe ich ohnehin so gut wie immer dabei. Reißen alle Stricke (Block vergessen, Stift verloren, Akku leer), dann wird sämtliches beschreibbares Material in Griffweite mit einem (geborgten) Kuli (oder Lippenstift, Kajal, Stück Kohle …) zur Stichwortsammlung umfunktioniert.
Konzepte kann man auch auf Servietten, Taschentüchern, Klopapier skizzieren. Ich hatte auch schon Bierdeckel in meiner Sammlung.

Dies mal für den Anfang, als Appetithäppchen, vielleicht reicht das ja für den einen oder die andere schon zur Motivation.
Für alle anderen hier noch ein paar Tipps, sehr subjektiv und auf mich zugeschnitten, als Grundlage um eigene Ideen zu entwickeln:

Wie ich schreibe

Schreiben beginnt für mich lange bevor man am Papier oder PC Buchstaben zu Wörtern schmiedet.

Meditatives Häkeln

Mir hilft es beim Denken, wenn meine Hände was zu tun haben und das ist zur Zeit das Häkeln. Zusammenräumen, Sachen sortieren, Staubsaugen oder Rasenmähen gehen auch – aber häkeln ist aktuell am besten.

Auch wenn das sehr spießbürgerlich und altbacken klingt: mir hilft es, meine Gedanken auf die Reihe zu bringen und zu sortieren. Andere meditieren im Lotussitz, machen Yoga-Atemübungen, sprinten durch Wald-Stadt-Flur-Fitnessstudio – ich meditiere beim Häkeln. Jede Masche ist ein Gedanke, den ich abhake. Yoga, Atmen, Laufen finde ich übrigens auch sehr toll und tat bzw. tu es gerne und gleichfalls regelmäßig (vor allem das Atmen :).

Staubsaugen und Rasenmähen sind ähnlich meditativ – und nein, ich bin kein Ordnungfreak mit Putzfimmel, bei mir herrscht ein gesegnet Maß an Leben im Raum (womit sanftes Chaos gemeint ist). Beides sind eher monotone Tätigkeiten, mit einem gleichbleibenden Lärmpegel verbunden und nebenbei auch noch produktiv – man sieht mit jedem Schritt, dass man was getan hat. Der Kopf hat Zeit zum Rumspinnen, denn die paar Gehirnzellen, die ich für die Koordination meiner Bewegungen brauche, fallen nicht sehr ins Gewicht und engen das kreative Denken nicht ein.

G´scheites Werkzeug, spontanes Timing & situative Regelmäßigkeit

Meine Crohn-Briefe sind so gut wie alle am iPad Mini, im Wohnzimmer am Esstisch, in den Vormittagsstunden entstanden. Auch die meisten Zeichnungen wurden so geboren. Mein Schreibprogramm dafür war (und ist) der iA Writer, weil er sehr angenehm leer ist. Nur eine weiße Fläche, die sich mit simplen Buchstaben füllen lässt. Ich muss mich nicht mal ums Speichern kümmern, das geht automatisch. Die Menüleisten sind extrem reduziert, keine Formatierungs-Tabs, kein Bi-Chi-Chou (Krempel) … wenn ich was hervorheben will, dann geht das mit Markdown (kann man hier nachlesen, was das ist). Aber meist passiert das Formatieren dann im Überarbeitungsschritt, nach Abschluss des eigentlichen Schreibprozesses.

Die Briefe sind großteils Spontan-Geburten, also ungeplant entstanden, und dennoch Wunschkinder (wie die Mehrheit der Menschheit, by the way). Ich weiß, dass ein Redaktionsplan bzw. Konzept hilfreich und sinnvoll ist – das habe ich auch meinen Klienten ewig gepredigt. Aber das funktioniert nur, wenn man sich auf stabilem (=gesunden) Boden bewegen kann, Herr*in über die Zeit ist und meiner Meinung nach funktioniert es auch da nicht immer. Wer sich selbst unter Druck setzt und jede Woche seine Beiträge rausklopfen will-muss-soll, der läuft Gefahr in einer Krampfspirale zu landen. Da werden dann irgendwann Beiträge erstellt, die eine Spielart früherer Artikel sind – Gleiches vom Selben, in anderem Kleid, mit ähnlichem Inhalt.

Auch wenn Leser*innen Regelmäßigkeit befürworten und teilweise auch erwarten: wenn man kreativ (expressiv) schreiben will, dann sind strikte Abgabetermine und ein starres Konzept eher unproduktiv.

Wenn man unbedingt regelmäßig Infos aussenden möchte (oder muss) ist es besser in guten Zeiten, wenn die Ideen plätschern, auf Lager zu produzieren und nebenbei den Mut zu entwickeln, dass man auch mal Pause macht und nichts tut.

Man kann sich auch mit schmalen Infos helfen: Linktipps, Bilder, Kurzinfos … oder ein gehaltvoller Gastbeitrag von wem anderen. Es müssen nicht jedesmal 2.567 Wörter sein (auch wenn das gern gepredigt wird), mit Querverweisen auf ein mehrbändiges Werk. Kreatives Schreiben ist keine Fließbandproduktion, mit Buchstaben-Taktung und Fokus auf Suchmaschinen-Ergebnisse.
Gleichzeitig aber hilft einem Regelmäßigkeit, die Kreativität zu trainieren. Wie bei so vielem sind auch hier das Maß und der Plan für jeden anders.

Mein Tagesablauf unterliegt einer sehr situativen Planung – ich weiß am Vortag nicht, wie es mir am Morgen gehen wird (das weiß in Wirklichkeit keiner, aber bei mir sind die Chancen noch bunter gemischt). Kann sein, dass es ein guter Tag ist (gut geschlafen, Kopf und Bauch frei von Qualen, Wetter erträglich, Stimmung im oberen Bereich, Ruhe rundum und das Frühstück angenehm stressfrei …). Kann sein, dass mir das Karma, angestachelt vom Herrn Crohn, Madame Fatigue, Mrs. Migraine oder dem Schicksal in die Cornflakes-Schüssel spuckt und ich mir schon vor Tagesbeginn wünsche, dass die Sonne gar nicht aufgeht.

Insofern habe ich keine To-Do-Listen mehr. Es sind eher Prioritäten-Tables – wie das Fokus-Modell, dass Sabine Dinkel in ihrem Buch „Hochsensibel durch den Tag“ beschreibt.

Es gibt also Dinge, die erledigt werden müssen, vielleicht bis zu einem bestimmten Tag, und Dinge, die ich machen will. Manchmal sind diese beiden ident. Das ist gut, aber nicht immer der Fall.

Ich kann und konnte schon immer gut abschätzen, wie lange etwas braucht, wieviel Zeit- und Arbeitsaufwand notwendig ist. Das hilft mir nun beim situativen Planen meines Tages.

Am Morgen, beim Frühstück, spüre ich in etwa, wieviel Potential der heutige Tag hat und dann weiß ich, was heute Sinn macht und wonach mir selbiger steht. Wobei alles ein „kann“ und dezidiert kein „muss“ ist. Pausen, Umschwünge, Änderungen sind normale Zutaten und fordern zu geplanter Flexibilität auf. Über meine Grenzen hinweg weiter zu machen, schneidet mir ins eigene Fleisch und ich bezahle dann mitunter tagelang dafür.

Auch das ist etwas, was jeder für sich selbst herausfinden muss. Es gibt hier keine Rezepte, einfach ausprobieren und üben.

Gute Zeit braucht guten Raum

Kreative Tippereien gelingen mir am besten im Wohnzimmer, mit meinem Mini-Tablet – wie oben geschrieben. Routinesachen, Mails beantworten, Überarbeiten, Korrigieren oder Recherchieren sind besser am Schreibtisch, am Laptop.

Beides sind Wohlfühlplätze, jeder mit anderen Qualitäten, für mich und die jeweilige Tätigkeit optimal. Ich brauche zum Tippen Ruhe rundum, ein Großraumbüro wäre Folter für mich. Auch in einem Kaffeehaus ist es mir zu unruhig, wenngleich ich die Atmosphäre fallweise sehr inspirierend finde. Beim Menschen beobachten und vor sich hin sinnieren, über einer Tasse Tee und ein paar süßen Kalorien, finden sich immer wieder interessante Ideen, Gedanken und Momente. Die werden in einem Notizbuch festgehalten oder, wenn ich keins dabei habe, am Handy abgespeichert.

Sofort festhalten

Das geht auch gut unterwegs, beim Spazieren gehen, Hund lüften, in Wartezimmern warten. Die meisten Smartphones haben eine Diktierfunktion (man kann auch die Video-Funktion nehmen), man muss nicht alles aufschreiben.

Wichtig ist, dass man den Gedanken sofort festhält – denn der kommt nie wieder in dieser Form. Mir reicht es, wenn es Stichworte sind, vielleicht ein Satz, der sich gerade besonders aufdrängt, weil die Formulierung speziell ist. Meine Mitschriften sind allerdings mehr Skizzen, denn lesbare Texte, obwohl ich sehr wohl schreibe. Meine Handschrift kann nur ich lesen und auch das nicht immer. Das Aufschreiben oder ins Mikro sprechen selbst ist der eigentliche Anker. In den meisten Fällen, wenn ich das dann zeitnah in getippten Text übertrage, reicht mir ein Blick auf dieses Wortmuster und ich erinnere mich, was ich da sagen-schreiben-festhalten wollte.

Pausen machen

Stundenlanges Sitzen geht bei mir ohnehin nicht mehr. Kopf, Nacken und Bauch nehmen mir das dauerhaft übel. Wenn es zwischendurch stockt, das Hirn raucht, ich merke, dass die Buchstaben die Wörter überholen – dann ist Abstand nehmen der beste Schachzug.
Auch hier helfen mir wieder Routinedinge, wo der Kopf nicht zu sehr beansprucht wird und auskühlen kann: Haushaltsdinge rumpusseln, irgendwas sortieren, im Garten spazieren, meiner Hundemadame intensiv das Fell kraulen, Unkraut zupfen, Gassi gehen, Tee kochen, Musik hören, dazu rumshaken, Nägel lackieren oder ganz einfach hinlegen und nix tun.
Hauptsache man gewinnt etwas Abstand und verschafft sich Atempausen vom Kopfarbeiten.

Recherchieren und Schreiben trennen

Für mich sind das zwei unterschiedliche Tätigkeiten, die ich nicht mischen kann. Auch zum Recherchieren ist Konzentration notwendig. Aber für meinen Teil sind da andere Synapsen aktiv als beim Schreiben. Ich kann entweder konzentriert an was schreiben oder nach etwas im Netz (oder Büchern) suchen. Auch hier habe ich wieder bevorzugte Zeiten, die sich für mich als passend heraus gestellt haben und wo ich das besser als zu anderen Zeiten erledigen kann.

Ablenkungen abschalten

Das ich Ruhe will und brauche beim Schreiben, habe ich ja schon erwähnt. Soweit möglich schalte ich Geräusche aus – kein Radio, Handy auf lautlos, der Ton am PC ist aus und wenn bei Nachbars der Rasenmäher röhrt oder Blockflöte geübt wird, bleibt das Fenster zu. Das ist mein Spleen, wer Musik zum Tippen braucht: nur zu! (aber nicht vor meinem Fenster 😉

Das muss jeder für sich selbst herausfinden. Ein Fakt aber ist meiner Meinung nach universell: Social Media sollte man beim Tippen abdrehen. Die Ablenkung ist gerade bei Facebook und Twitter extrem hoch. Man will nur mal kurz ein bisschen zwischendurchsurfen und auf einmal ist eine Stunde weg. Was ja vielleicht nicht so schlimm wäre. Aber mit der Stunde ist auch die Aufmerksamkeit und Konzentrationsfähigkeit weg, für länger. Durch die überwältigende Anzahl an Kurzinfos wird das Hirn dauerstimuliert – von einem Hype (Katzenfoto) zum anderen (Verschwörungstheorie) und dann poppt ein Fensterchen auf und irgendwer schickt einem eine Info (Herzchen, Frage, Like, Kommentar …)

Fürs konzentrierte Dranbleiben an einem roten Schreibfaden ist das Gift.

Mag für manche erschreckend sein, aber ich versichere: Man überlebt zwei oder mehr Stunden ohne Facebook, WhatsApp, SMS, Twitter, Snapchat, E-Mail, Chats, Skype, YouTube …

Und ansonsten

Üben, üben, üben.
Und den Mut haben auch mal was weg zu schmeißen.
Vom Himmel fallen vielleicht mal Kometen, aber keine Meister – wie man weiß. Außerdem kochen auch die Könner nur mit Wasser und haben mal klein angefangen. Es gelingt auch dann nicht immer alles, wenn man schon X-Beiträge und Kolumnen und mehrere Bücher verfasst hat.  Es gibt Tage, da schreibt mal pullitzerpreisverdächtig. Am nächsten kommt man drauf, dass das der größte Stuss des Jahrtausends war und eine Woche später bastelt man aus den Resten einen passablen Beitrag. Es gibt Texte, die entstehen aus einer Emotion heraus, völlig ungeplant und sind perfekt. An anderen doktert man elendiglich lang herum und kommt zu keinem grünen Ende.
Man sieht bei den anderen, wo man mitliest, ja nur das, was die für gut und gelungen befinden und veröffentlichen. Man sieht nicht, wieviele Texte zerknüllt im Papierkorb gelandet sind, neben den Haaren, die sich der Schreiber, die Autorin ausgeraufft haben, und es steht auch nicht dabei, wie lange sie dafür gebraucht haben.

Darum: einfach tun, Fehler gehören dazu. Wer arbeitet, macht Fehler, das muss so sein. Anders wär`s falsch.

Und die Angst vorm weißen Blatt?

Ist vollkommen normal. Wem vor der Leere graut: einfach ein paar sinnlose Worte, Buchstaben-Chaos, reintippen oder im analogen Fall mit dem Stift darauf herumkritzeln. Schon ist das Blatt nicht mehr leer, hat auf geheimnisvolle Weise Leben eingehaucht bekommen und das lockt die Musen aus ihrem Versteck 😉

Linktipps

Sehr empfehlenswert für alle, die schreiben wollen, schön länger schreiben, besser schreiben möchten: Gitte Härter – Schreibnudel.de und himbeerwerft.de

Eine recht breite (=für jeden etwas dabei) Zusammenstellung von Info-Blogs für Schreiberlinge und solche, die es werden wollen, gibt es hier: Kreatives Schreiben – 10 Blogs

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