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Cartoons, Kranke Geschichten - Strange Stories

Schräge G´schichten: Frau Doktor der dunklen Strümpfe

Die zweite schräge G´schicht in der Kategorie „… aber das ist eine andere Geschichteund zugleich die Skizzen 3-6 für die#30SkizzenimNovember, einer Zeichenaktion der Freiraumfrau .

Es geht ums Dranbleiben, ums tägliche Zeichnen, Malen, Skizzieren. Ich habe für mich das Format „2 Zeichnungen + 1 Geschichte“ gewählt. Weil man ja auch mit Worten Bilder zeigen kann. Wen es interessiert: einfach auf Instagram, Facebook oder Twitter dem Hashtag #30SkizzenimNovember folgen, meiner ist zusätzlich #schrägeGschichten.

30 Skizzen = 10 schräge Geschichten – Nr. 2:

Frau Doktor der dunklen Strümpfe

„Sie ist eine wirklich tolle Ärztin, eine hervorragende Diagnostikerin. Ein bisschen harsch im Ton, sehr direkt. Aber du bist bei ihr in guten Händen, sie wird dir helfen können.“
„Fein, vielen Dank für den Kontakt.“

„Ja und … äh, also wenn du bei ihr bist, dann schau bitte, ob sie dunkle Strümpfe trägt.“
„… ?“

„Weil das tut sie immer, dunkelgrau oder schwarz. Ist nicht nur mir aufgefallen. Haben mir auch schon andere erzählt, die ich hingeschickt habe. Ein einziges Mal, als mein Freund bei ihr Kontrolle hatte, hat sie helle getragen. Da war er so perplex, dass er sie darauf angesprochen hat.“
„… Aha?“

„Sie hat nur schallend gelacht. Also bitte, wenn du Termin hast, dann achte darauf.“
„… ja …ok, mach ich.“

„Nur wegen der Statistik, gell :)“
“ … ohkäh.“

Ich rufe an, bekomme meinen Termin so schnell wie erwartet (der übliche Wahlärztebonus, je teurer, desto flotter) und bereite mich darauf vor. Befunde und so sind sortiert und griffbereit. Ich bereite mich mental vor: Wie werfe ich einen beiläufig investigativen Blick auf die möglicherweise dunkel bestrumpften Beine der Frau Doktor? Wenn sie einen Rock trägt, ist das kein Problem und sofort ersichtlich. Aber bei einer Hose? Vielleicht mit Sportschuhen? Da kann es schwierig werden. Ich könnte was fallen lassen, mich bücken und himmelwärts, Richtung Knöchel, blinzeln. Oder mir die Schuhe im Knien zubinden. Da muss ich aber auch enstprechende Schuhe anziehen, mit Schlüpfern sieht das seltsam aus und könnte meiner Diagnose eine andere Wendung geben.

Ich plane also, richte mir die passenden Schuhe her, trainiere am Weg zur Ärztin auf der Straße, im Bus und in der Tram, den investigativen Sockenerkennungsblick und erlebe spannende Einblicke in menschliche Bereiche, die vermutlich außer mir nur der oder die Socken-StrumpfträgerIn so gehabt hat. Es ist Ende des Sommers, noch immer relativ warm und die Strumpfdichte ist entsprechend gering. Aber das, was man sieht, rangiert zwischen kaum sichtbar und „schreckliche Hautkrankheit“. Bei den Socken und Sneackers sieht es besser aus – also von der Tragedichte her. Rein optisch ist noch Luft nach oben und ich beginne mich langsam um mein eigenes Sockenerscheinungsbild zu sorgen. Heute sind sie oft-gewaschen-weiß, mit einem zart-rosa, ehemals leuchtend pinken Logo am Bündchen. Es sind liebgewonnene Sneackersocken, alt in Sockenjahren und noch immer sehr robust. Sie halten sich aufrecht, auch an langen Tagen und wandern deswegen oft mit mir durchs Leben.

Endlich bei der Ordi angekommen, merke ich, dass ich mehr als üblich aufgeregt bin. Ich habe ja Routine mit Erstordinationen, aber die heutige hat eine besondere Komponente. Vielleicht bin ich aber auch nur zu rasch den Hügel hinauf gestapft und habe deshalb leicht erhöhtes Herzklopfen.

Die beiden Damen bei der Anmeldung sind stoisch routiniert, mit weißen Socken in bequemen Pantoffeln. Ich nehme Platz und warte. Gehört habe ich Frau Doktor schon, gesehen noch nicht. Das Warten ist bequem, der Sessel gemütlich und langsam beginne ich in ihm zu versacken … kurz vorm Einchillen wird mein Name gerufen – Frau Doktor ist bereit für mich und wartet bereits in der Tür. Ich blicke erschreckt auf und ehe ich meinen Blick wieder pflichtschuldig in Fußnähe absenken kann, dreht sie sich um, mir bedeutend ihr zu folgen.

Sie trägt eine lange Hose und ist schnell aus  meinem Blickfeld verschwunden. Zu schnell. Ich springe auf, schnappe meine Tasche mit den Befunden, richte meine Brille (Kurzsichtigkeit ist ein Handicap beim externen Sockensichten) und haste hinterher.

Sie erwartet mich an der Tür zu ihrer Ordination, reicht mir die Hand und ich habe zum Glück eine freie zur Verfügung, um ihr meine zurückreichen zu können. Und dann, als sie sich schon wieder umdrehen will, um zum Schreibtisch zu gehen, kann ich endlich einen Blick auf ihr Fußwerk werfen.

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Die Füße sind nackt.
Sockenlos, strumpflos.
Nackt. NACKT!
Mit roten Zehennägeln, in weißen Birkenstocks.

Ich schnappe hörbar nach Luft, höre bereits den mentalen Aufschrei derer, die auf meinen ärztlichen Fußbericht warten und sich vor Erschütterung nimmer einkriegen werden. Ich spüre ein heftiges Kichern in mir, ein beginnender Lachkrampf, und kann einen sehr breiten Grinser und ein belustigtes Schnauben nicht unterdrücken. Frau Doktor dreht sich zu mir, hebt irritiert die Braue und blickt mich fragend-streng an. Mit aller Kraft würge ich mein Kichern bauchwärts, zwinge mein Gesicht Richtung angebrachter Contennance und versuche meine übliche Patientenrede zur Begrüßung. Die Worte kommen so, als würde ein Frosch versuchen eine Arie zusingen: halb gequackt, halb gekrächzt. Dazu eine leicht breitmaulfroschige Grimmasse und sanfte Lachtränen in den Augen.

Ich hatte schon bessere Erstordinationen. 

Aber ich hatte noch nie so ein dringendes Bedürfnis, eine SMS in Richtung meines wartenden Freundes zu schreiben, der gemeinsam mit anderen Interessierte auf das Ergebnis meines Arztbesuches wartete:

„KEINE Strümpfe!!!
Ich wiederholen: KEINE Strümpfe!
Nicht hell, nicht dunkel, die Füße sind NACKT!
In weißen Latschen!“

Der ärztliche Befund war übrigens ok.
Nichts besonderes, alles gut.

Die wirklich wichtige Frage konnte hingegen nicht geklärt werden:
Wo sind die Strümpfe hingekommen? Und warum?

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Schräge G´schichten: Das ungeklärte Mysterium der orangen Ananas-Socken

Es gibt eine neue Kategorie im Blog: Kranke Geschichten – Strange Stories. Hier sammle ich kurze und längere Erlebnisse, die mir am Weg mit dem lieben Herrn Crohn begegnet sind. Der Beginn hier ist zugleich auch der Start der #30SkizzenimNovember, einer Zeichenaktion der Freiraumfrau (Angelika Bungert-Stüttgen), die um diese Zeit Interessierte zum Malen, Zeichnen, Skizzieren aufruft. Die Aktion läuft hauptsächlich auf Instagram, einfach dem Hashtag #30SkizzenimNovember folgen, meiner ist zusätzlich #schrägeGschichten.

Man kann nach eigenen Themen mitmachen oder Angelikas Vorschläge nutzen. Ich habe mich heuer dafür entschieden, meine „anderen“ Geschichten zu verzeichnen und beschreiben. Jeweils zwei Zeichnungen und eine Erzählung (weil man ja auch mit Worten etwas darstellen, in die Vorstellung zeichnen kann). Das sind dann Ende November 2019 (hoffentlich) insgesamt 10 ganze Geschichten.

Die Erlebnisse sind aus den letzten Jahren, einige liegen schon länger zurück, einige sind noch sehr frisch. Den Anfang machen bunte Socken, die mich fasziniert, begeistert und vor allem dazu motiviert haben, diese Geschichtenreihe zu beginnen.

30 Skizzen, 10 schräge Geschichten – Nr. 1:

Das ungeklärte Mysterium der orangen Ananassocken

Blass und hager, bekleidet mit dem unsäglich häßlichen Krankenhaushemd, das perfekte Modell für das Sinnbild eines leidenden Kranken, wandelt er gemessenen Schrittes durch den Flur. Manche Schritte tun sichtlich weh und es kostet ihn Kraft bis zum Endes des Ganges durchzuhalten. Er geht dennoch – trotzig, gefasst und tapfer. Am Ende dreht er um, die Hände am Rücken verschränkt, retour ans andere Ende. Wie ein Bahnenschwimmer, der sein Becken verloren hat und nun am Trockenen seine Runden abarbeiten muss. 

Er wandert den Flur auf und ab, mit mehr Kraft, als seine Erscheinung vermuten lässt.
Er geht langsam, stetig und immer allein, äußerlich schwach, innerlich zuversichtlich.
Mit dunklen Ringen unter den Augen, einem traurigem Zug um den Mund, wenig Zukunft in seinem Schatten.
Aber er geht. 

Und zu seinen braunen Birkenstock-Latschen trägt kreischorange Socken, mit lachend gelben Ananansmotiven.
Er ist mein Held des Tages.
Seine Sockenwahl versichert mir, dass er es überleben wird.
Was auch immer „es“ ist. 

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Aber vielleicht sind es in Wahrheit ja die Ananassocken, die gehen wollen? Ihn dazu zwingen, ihn aufrechthalten und Kraft zum Leben, zum Gehen geben? Möglicherweise sind es ja Supersocken, aus einem Geheimlabor oder einem Paralleluniversum, dazu da um Sonnenschein, Glück und einen Hauch Genesung zu verbreiten? Oder die Kontrolle über schwache Menschen zu übernehmen, um die Lage für eine zukünftige Weltherrschaft auszukundschaften: Die Regentschaft der kreischorangen Pinapple-Socks. 

Nachdenklich betrachte ich meine eigenen Socken: rosa-weiß, mit etwas türkis und großen Einhörnern. Jede Socke ist anders, es gibt keine zwei gleichen, nicht wie bei den Ananassocken. Vielleicht stehe ich ja unter ihrer Kuratel, bin Teil des Einhornuniversum?
Und diese Begegnung am kranken Hausflur war die Schnittstelle zum Pinapple-Universum. Weil es im Flur des Krankenhauses nicht so schnell auffällt, wenn sich die Schleier zwischen den Paralleluniversen öffnen. Hier gibt es ohnehin schon genug Seltsamkeiten, über die man sich nicht mehr wundert.

Vielleicht liegt es aber auch daran, dass ich übernächtigt bin, erschöpft und vor allem Hunger habe, weil ich nüchtern sein soll und meine krausen Gedanken mich für den Kalorienentzug auf ihre phantasievolle Art trösten wollen. 

Wer weiß das schon.

Vielleicht der alte Mann mit seinen mutigen Socken, der mir vormacht, wie man zu gehen hat: Aufrecht und mit Würde, egal wie die Füße gekleidet sind, wie beschissen die Lage ist, wie schwer der Tag. Er geht tapfer, er geht aufrecht, er geht immer weiter.
Zumindest bis zum Ende des Flures.

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