Schlagwort: Leben

Cartoons, Kranke Geschichten - Strange Stories

Schräge G´schichten: Spaziergang der Kuscheltiere

Geschichte Nr. 9 im Rahmen der Zeichen-Challenge #30SkizzenimNovember und somit die aktuell vorletzte meiner schrägen Geschichten, ist eine Hommage an wichtige Begleiter im Krankenhausalltag – es geht um Kuscheltiere.

Alle schrägen Geschichten sind hier zu finden: … ABER DAS IST EINE ANDERE GESCHICHTE
Es ist mein Betrag zur Zeichen-Challenge der Freiraumfrau. Mein selbstgewähltes Thema ist diesmal jeweils 2 Zeichnungen und eine Geschichte zu „malen“ – weil man ja auch mit Worten Bilder entstehen lassen kann. In Summe sind das dann (hoffentlich) 10 Geschichten bis Ende November.
Alle Skizzen, von anderen und von mir, findet ihr auch auf Instagram, Facebook oder Twitter unter dem Hashtag #30SkizzenimNovember, meiner ist zusätzlich #schrägeGschichten.

30 Skizzen = 10 schräge Geschichten – Nr. 9:

Spaziergang der Kuscheltiere

„So ein liebes Mietzekatzi!“
Ich stehe am Gang, nahe meinem Zimmer, und habe eben versucht das Atmen mit meinem, ein wenig außer Kontrolle geratenen, Herzschlag zu koordinieren. Und habe ich das Gefühl im falschen Film zu sein.

Hier ist weit und breit kein Mietzekatzi.
Leider.

Ich wollt schon heut in der Früh was sagen, aber da habens gar ned gut ausgschaut. Jetzt hab ich Sie ansprechen müssen. Sooooo ein liebes Mietzekatzi da auf Ihrem T-Shirt! Wie putzig das dreinschaut!

Der Groschen (0,0714 Cent, ca. 10 Pfennig) fällt scheppernd in den Blechnapf, mein Hirn erinnert sich an seine vom Schicksal vorgesehene Funktion (Denken und Erinnern) und liefert mir das fehlende Puzzleteil: Ich habe heut morgen mein Katzenshirt angezogen.
Es war Notwehr, der Tag hat ziemlich herangegraut und für solche Fälle braucht es Gegenmaßnahmen. Der riesige Katzenkopf nimmt fast das ganze Shirt ein. Überlebensgroß, so nennt man das, und ich denke, es ist gut, dass es diese Katze nicht in echt gibt. Sie hätte die Weltherrschaft inne.

Es ist ein selbstgenähtes Shirt und es war Liebe auf den ersten Blick. Ich habe den Stoff gesehen, einen tiefen Blick in die Augen der Mietze geworfen und gewusst: Wir sind für einander bestimmt.
Dieser Blick – unbeschreiblich! Eine leicht kranke Mischung aus sophisticated und komplett durchgeknallt. Leicht nach schräg oben gerichtet und man sieht ihr an, was sie denkt: Soll ich schnurren oder ausrasten? Hat sie mich gerade „putzig“ genannt?
Ideale Kleidung für graue Tage im kranken Haus.

Sichtlich hat meine Mietze einen weiteren Fan gefunden. Vor mir steht eine kleine, ältere Frau. Wobei ich nur vermute, dass sie älter ist (als ich). Wer länger hier ist, bei dem Verschwimmen die Jahresringe und man weiß nicht mehr, ist es das Alter oder die Umgebung. Sie ist schon fast 4 Wochen hier und bleibt noch ein paar. Ein ausgebleichte, ursprünglich buntere Hose, ein beige-braunes Shirt mit irgendwelchen Ethnoaufdrucken. Graue, gekräuselte Haare, eine lustige Brille und eine Bauchtasche mit zwei Kuscheltieren.
Bis auf die Bauchtasche eine ganz normale Erscheinung. Wobei die Bauchtasche das Outfit perfekt ergänzt und auch die Kuscheltiere, ein Bärchen und ein Häschen, zum Rest passen.

Alles im Rahmen, schließlich sind wir hier im Krankenhaus und wo kann man seine Spleens besser ausleben, wenn nicht hier? Wobei die Intensität des Auslebens mitunter von diversen bunten Pillen gesteuert wird, mal in die eine, mal in die andere Richtung. Zu intensiv sollte man den inneren Hippie also auch hier nicht raushängen lassen. Es könnte sonst zu einem Flug übers Kuckucksnest führen.

Die Bauchtaschen-Lady ist noch im Rahmen, hat sich gut im Griff und schwärmt mir noch immer von der Begegnung mit meiner T-Shirt-Katze vor. Es dürfte das spirituelle Erlebnis des heutigen Tages für sie sein.

Ich merke, dass meine T-Shirt-Mietze zwischen Schnurren und Fauchen hin- und herüberlegt und bevor sie eine Entscheidung für mich trifft, deute ich auf die beiden Plüschis in der Bauchtasche und sage, leicht verkrampft lächelnd: „Die sind aber auch lieb, die zwei.
Ja, das sind meine Kinder, die trag ich gern mit mir herum.“
Ich nicke verständnisvoll.
Der Spleen, die Tabletten, die Umgebug.
Alles gut.

Also eigentlich sind es ja die alten Kuscheltiere meiner Buben. Die sind schon groß, Enkel hab ich auch schon. Aber ich seh sie alle so selten. Die leben weit weg, der eine sogar im Ausland. Also hab ich den Bärli vom Franz und das Haserl vom Georg, damit ich wenigstens so ein bisschen Kontakt zu ihnen halte. Und mir isses wurscht, wenn man mich für durchgeknallt hält, ich steh dazu.

Ich nicke wieder, nun auch innerlich und betroffen.
(Und in einem fernen Winkel meines Inneren schäme ich mich ein bisschen über das, was ich davor zu denken begonnen habe).

Ich trag sie halt gern mit mir herum, die zwei. Damit sie auch mal rauskommen aus dem Zimmer. Ich weiß, klingt schräg und jeder schaut mich an, als ob ich mir zuviel von den Pillen eingeworfen habe. Aber mir hilfts, mir geht es besser, wenn ich meine Babys bei mir habe. Dann erinner ich mich wieder an die schönen Zeiten, als die Kinder noch klein waren, als alles gut war. Das gibt mir Ruhe, damit ertrag ich den Rest von diesem Wahnsinn einfach besser.

Ich blicke auf die beiden Babys, Kopf gesenkt, damit man meine Tränen in den Augen nicht sieht. Aktuell bin ich etwas nah am Wasser gebaut und ja, die Lady hat mich an meinem schwachen Punkt erwischt. Ich bin gerührt, betroffen und habe einen sentimentalen Schub.
Leider habe ich auch Herzrhythmusstöruungen und Schwindel und meine Knie meinen, dass es mal wieder Zeit wäre, sich auszuklinken. Bevor ich wieder Richtung Boden abbiege (das hat man hier nicht ganz so gern, da wird die Pflegemannschaft immer ganz hektisch), murmel ich was von „isjaurlieb, gudeidee, sorry, mussinsbett, schwindlig“ und wanke wieder in mein Zimmer. Meine Katzenfrau am Shirt hält den Kopf für mich hoch, die Bauchtaschen-Lady winkt mir lustig nach und wandert weiter.

In meinem Zimmer lasse ich mich auf mein Bett fallen. Gerade noch rechtzeitig, die Knie machen Pause. Die Katzenlady ist wieder im Ruhezustand, ihr Auftrag ist erfüllt.

Kuscheltiere 2 - Schräge G´schichten: Spaziergang der Kuscheltiere

Am Galgen baumelt Berndi-Bär und winkt mir lustig zu. Da wird er immer hingehängt, wenn ich meinen Platz im Krankenzimmer einnehme. Er war schon in vielen Spitälern, genauso wie meine Maus Hartmann. Die aber nun schon so mürbe ist, dass ich ihr die Reisen nicht mehr zumuten will. Berndi-Bär ist der amtierende Talismann und mein Galgenschmuck, er kennt meine guten und meine schlechten Zeiten. Vor allem letztere erlebt er meist aus der Vogelperspektive, denn diese spielen sich eher im Krankenhaus ab.
Ich habe ihn beim Liegen immer im Blick und das hilft, den Fokus weg von der nicht unbedingt heimeligen Umgebung zu zentrieren. Mit Berndi-Bär vor der Pupille sieht auch ein Krankenzimmer nett und lustig aus. Berndi-Bär am Morgen vertreibt zwar keine Sorgen, aber er hilft dabei, sie auf später zu verschieben. Und Berndi-Bär am Abend sorgt dafür, dass der Sandmann seine Alpträume woanders abliefert (zumindest hoffe ich, dass der kleine Teddy dann seine Höhlenbär-Gene auspackt und fiese Sandmann-Attacken urgeschichtlich erledigt)

Doch wenn ich am Gang herumgehe, hängt er weiter da, allein am Galgen, im Wartemodus. Irgendwie ist das ungerecht, wird mir nun klar. Die Bauchtaschen-Lady hat recht: man muss auch seinen Kuscheltieren und Talismännern dann und wann einen Gesichtsfeldwechsel zugestehen. Ich denke, die kommende Tage werde ich mir den Bären umbinden. Mit einer Schnur, um den Hals. Da kann er dann mal woanders abhängen und in Anbetracht der Lage ist es auch schon egal, was der Rest der Leute hier von mir denkt.

Vielleicht bilde ich mir das nur ein, aber ich habe das Gefühl, er freut sich darauf die Umgebung zu verunsichern und mal rauszukommen.

Cartoons, Kranke Geschichten - Strange Stories

Schräge G´schichten: Hunger auf Geschmack

Meine achte schräge G´schicht in der Kategorie … aber das ist eine andere Geschichte für die Zeichen-Challenge #30SkizzenimNovember macht Appetit und hat eine Botschaft: Es ist nicht immer alles so, wie man es sich denkt. Vor allem, wenn man hungrig denkt. Was eigentlich gar nicht geht. Aber lest selbst.

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30 Skizzen = 10 schräge Geschichten – Nr. 8:

Hunger auf Geschmack

Ich habe Hunger.
Richtig, großen Hunger.
Nicht auf Essen.
Essen hatte ich schon und es hätte mich vermutlich ernährt, wenn ich es gegessen hätte. Es war glutenfrei, laktosefrei, ballaststoffrei und geschmacksneutral. Mein Essen war so von allem befreit, dass es ein Wunder war, dass ich es überhaupt gesehen habe. Es hatte vermutlich auch Kalorien. Aber soweit sind wir nicht gekommen. Wäre es ein Bild auf Tinder gewesen, hätte ich es wenigstens wegwischen können – kein Interesse.
So habe ich es einfach stehen gelassen. Es hat dann noch trauriger ausgesehen und ich hatte sogar den Hauch eines schlechten Gewissen. Aber mein Magen hat sich geweigert dem traurigen Kalorienkonvolut Unterschlupf zu gewähren und in solchen Dingen bin ich meinem Bauchgefühl hörig.

Still und schweigend habe ich es wieder zurück getragen, in den Wagen, mit dem es und seine Kollegen auf der Station gelandet ist. Einzig das Schild mit meinem Namen habe ich entfernt. Mein Mitgefühl mit dem nun noch traurigerem traurigem Essen war ein wenig kleiner, als ich es zu seinen anderen, gleichfalls verweigerten Kollegen in den Wagen geschoben habe. Es war wenigstens nicht allein. Der Nahrungsmitteltinderpapierkorb dürfte heute wieder voll werden.

Das Kaloriendesaster ist vom Tisch, aber mein Magen hat dennoch Bedarf. Und dann hab ich ja auch noch Hunger. Auf Essen, dass wie Essen aussieht. Das einen Geruch hat, wie gutes Essen riechen sollte. Das mit einem Hauch Liebe angerichtet wurde oder zumindest nach optischen Kriterien, die auf visuellen Geschmack schließen lassen. Ich will erkennen, was das für eine Gemüse ist, will etwas haben, worauf ich beißen kann, es darf Salz drin sein und gerne eine Reihe klassischer und exotischer Gewürze. Ich will Vitamine, Kohlehydrate und Spurenelemente – in Form von Nahrung, die auch der Seele gut tun und den Mund dazu bringt, es mit einem Lächeln zu kauen, damit die Speiseröhre sich freut, es zu schlucken und der Magen ein Stündchen später noch glücklich gluckert.
Das ist die Sorte Hunger, die ich gerade habe. Aber das trifft leider genau nicht auf die Sorte Essen zu, die ich hier im Krankenhaus erwarten darf. Selbst mit allen Tricks der Diätassistentin ist das leider nicht möglich.

Was ein Problem darstellt, denn ich habe eben gerade diesen Hunger und wenn ich diese Art Hunger habe, dann werde ich sehr unleidlich, wenn der nicht zu meiner Zufriedenheit gestillt wird. Was sich dann auf die weitere Umgebung auswirken kann und gesundheitliche Probleme verurschen könnte, nicht nur bei mir. Die Diva-Werbung eines bestimmte Schokoriegels deutet in etwa an, wohin sowas führen kann. Das wäre in meinem Fall aber die sanfte Version. Ich will nicht, dass das ausartet, weil ich weiß, wie es dann ausarten kann und das will ich weder den anderen, noch mir zumuten.

Es wirkt wie eine Pattsituation, aus der es keinen Ausweg gibt. Denn ich bin ja im Spital, stationär aufgenommen, als Patientin. Ich kann nicht eben mal beim Wirtshaus gegenüber einkehren und mir das 1er-Menü bestellen. Abgesehen davon, dass das, was ich will, was mir schmeckt und was ich vertrage, gegenüber nicht zu bekommen ist.

Ich kann nicht raus, das Essen muss zu mir. Und zwar rasch, denn mit jeder Minute wird die Stimmungslage labiler und die Monsterdiva scharrt in den Startlöchern.
Es ist somit ein klassischer Fall von selbstverteidigender Fürsorge, dass ich mich an die Instanz wende, die in solchen Fällen einzig und allein helfen kann: den Lieferdienst.
Zwei Apps sind auf meinem Smartphone für solche Fälle installiert und ich danke an dieser Stelle meinen wunderbaren Kindern, dass sie mir diese Art der Nahrungsjagd als Nothelfer empfohlen haben.
Nun ist es soweit, ich muss das Notfallprogramm starten. Die Auswahl ist immens, aber ich brauche etwas, das in der Nähe ist (weil schneller da), was ich vertrage und im Idealfall von einem Lokal, das ich kenne, denn dann weiß ich, ob es gut ist.
Mein Glück, dass ich in einem Krankenhaus in Wien bin, relativ zentral gelegen, wo die Auswahl der gelisteten Lokale somit auch ein paar Asiaten auflistet, bei denen ich schon das Vergnügen hatte gut gegessen zu haben. Insofern ist es nur noch eine kleine Qual der Wahl, welchen und was ich auswähle.

Während ich die Bestellung abschicke, richte ich ein stilles Dankgebet an den Erfinder des Internet, die Entwickler dieser App und meine lukullischen Schutzengeln. Und hoffe, dass der Koch Dampf macht und der Bote Vollgas gibt.

Das Schöne und zugleich Fiese an dieser App: Ich kann den Weg mitverfolgen. Quasi mit sabbernden Lefzen über dem Bildschirm hängen, alle paar Minuten auf Aktualisieren klicken und mit knurrendem Magen die Minuten bis zum Eintreffen des Boten zählen. 30 Minuten, in meinem Fall. Das ist schnell und langsam zugleich.
Und es lässt mir genug Zeit, mich auf den Weg zum Treffpunkt zu begeben. Denn aus Gründen des Datenschutzes (ich will nicht, dass die halbe Station und die gesamte medizinische Belegschaft mitbekommt, dass ich mir was Nahrhaftes aufs Zimmer liefern lasse) (oder es an die Diätassistentin verpetzen) (oder mir wegessen … was aktuell meine größte Angst ist) … jedenfalls: aus Gründen des Datenschutzes habe ich mir die Lieferung zur Rezeption unten hinbestellt und hoffe, das zu dieser späteren Stunden Flaute beim Eingang herrscht.

20 Minuten vor Eintreffen meiner Futterschüssel halte ich es im Zimmer nicht mehr aus. Ich flüster der diensthabenden Schwester zu, dass ich „ein bisserl im Haus spazierengehe“ und stapfe Richtung Rezeption. Vielleicht irrt die App ja und der Bote kommt früher. Oder war schon da! Also schnell runter und die Lage im Auge behalten.

Der Bereich rund um die Rezeption ist weniger leer, als ich vermutet und erhofft habe. Es steht zwar niemand für eine Aufnahme an, aber es lungern genug Leute herum, damit man nicht von unbelebt reden kann.

Allerdings wirken die alle so, als würden sie ohnehin nichts von ihrer Umgebung mitbekommen: Jeder hängt über seinem Handy. Wunderbare neue Welt, ich bin von Smombies umgeben  – Smartphone-Zombies.
Ich suche mir einen Platz mit gutem Blick auf den Eingang, zücke mein Handy und prüfe, wie weit mein Futter im Abendverkehr schon gekommen ist. 15 Minuten bis zum Einschlag.

Ein paar Meter rechts von mir sitzt ein junger Mann, sichtlich Patient, die Füße überschlagen und zappelig. Ich kann es nicht leiden, wenn jemand dauernd mit dem Fuß wippt, das macht mich nervös. Er zappelt mit dem Fuß und streicht immer wieder fahrig über sein Handy. Dann und wann hebt er den Kopf und blickt sehnsuchtsvoll zum Eingang. Dann seufzt er und glotzt wieder auf seinen Kommuniktationsknochen. Wartet vermutlich auf einen späten Besuch, denke ich mir, und so hoffnungsvoll, wie er zum EIngang blickt, wird es vielleicht seine Liebste oder sein Liebster sein. Ein Romeo, der auf Julia oder Julius wartet. Romantik im Spital ist was Schönes, ihm sei das Fußgezappel verziehen. Liebe und Ungeduld gehören nunmal zusammen.

Schnell ein Blick auf meine App – das Paket nähert sich, 10 Minuten. Seit wann dauert denn das so lange? Vor kurzem waren 5 Minuten viel schneller um, momentan zieht es sich echt. Ich aktualisiere noch zweimal, aber es ändert sich kaum was.

Seufzend hebe ich meinen Blick und lasse ihn schweifen. Links von mir sitzt eine Grüne. Entweder aus der Chirurgie oder einem anderen operativen Bereich. Ob Ärztin, ob Schwester, ob Studentin – keine Ahnung. Grüne knielange Hose, grünes Wams, grünes OP-Käppi … und ein zappelnder Fuß, der ähnlich wie beim jungen Mann rechts von mir, permanent am Wippen ist. Doch gänzlich anders als beim junge Mann ist dieser Fuß mitsammt der Wade bestrumpft. Mit grünen Kniestrümpfen, auf denen sich viele weiße und ein paar schwarze Schafe tummeln. Was in Kombination mit dem wippenden Fuß zum Eindruck führt, die Schafe würden sich bewegen und es herrscht viel Getummel auf der Weide.
Vielleicht habe ich aber auch schon Halluzinationen vor lauter Hunger.
Die Wahl der Socken lässt mich vermuten, dass die Grüne in der Anästhesie arbeitet. Vielleicht ist das ja ein Insidertrick, um die Einschlafzeit der Patienten vor der OP durch Sockenschäfchenzählen zu verkürzen.

Hunger 2 - Schräge G´schichten: Hunger auf Geschmack

Die grüne Schafsockenträgerin hat ihr Handy gleichfalls fest im Griff. Am Tisch neben ihr steht eine Cola, der Blick vom Handy hebt sich regelmäßig, einmal zur Cola, dann zum Eingang. Ich vermute mal, dass sie auf die Ablösung wartet.

Zeit um mal wieder den Lieferstatus zu prüfen – 5 Minuten. Es wird Zeit. Ich hebe den Blick und lasse ihn über das Grüppchen der anderen Anwesenden schweifen. Ein buntes Sammelsurium wartender Menschen, die in ihrer Zusammensetzung klassisch für ein Krankenhaus sind. Patienten, medizinisches Personal, in Summe um die 15 Personen. Alle sitzend, alle mit dem Handy in der Hand. Von Zeit zu Zeit hebt wer den Blick, sieht zum Eingang, senkt ihn wieder und wischt über das Handy. Bei den meisten zappelt ein Fuß und ich merke auf einmal, dass auch mein Fuß wippt. Kunststück, der hat sich anstecken lassen. Ich stoppe das Wippen und stehe auf. Stehende Füße können nicht wippen. Dafür werden sie aber zappelig und ich beginne herumzugehen. In konzentrischen Kreisen nähere ich mich der Rezeption. Mein Bote müsste jeden Moment hier eintreffen. Himmel, ich hoffe, er hatte keinen Unfall! Nicht auszudenken …

In diesem Moment kommen zwei junge Männer herein, beide tragen unübersehbar Essenslieferdiensttaschen. „Die Pizza ist da!„, ruft der eine.

Pizza? Wieso Pizza?? Ich hab doch keine Pizza bestellt!
Habe ich mich vertippt?
Ich zücke hektisch mein Handy, während ich gleichzeitig auf den Boten zu gehe. Aber da überholt mich ein Schatten von rechts – der junge Mann mit dem zappelnden Fuß, der auf seine Liebe wartet. „Endlich, danke! Das ging schnell, ich hab schon so einen Hunger!
Ein Geldschein wechselt seinen Besitzer, die Pizzaschachtel wechselt zum jungen Mann, der sie liebevoll, mit glücklichem Gesicht an seine Brust drückt und Richtung Aufzug stapft.

Ich stehe verdattert da und schaue zum anderen Lieferdienstmann, der eben seine Box in die wartenden Hände der Schäfchensocken-Lady entleert.

Äh …

Ich schaue mich um – alle, die hier gewartet haben, blicken zu den beiden Boten. Ein paar haben sich halb erhoben, ihr Handy in der Hand, zwei stehen und waren sichtlich am Weg zu den beiden.
Der Ausdruck in ihrem Gesicht muss meinem ähneln und fällt unter die Kategorie: Blöd aus der Wäsche gucken.

Während ich langsam beginne die Zusammenhänge in meinem Kopf neu zu ordnen, betritt ein dritter Bote den Raum. „Butter Chicken, Mangocreme, Karottensaft und Muffins?“ fragt er in die Runde. Ich trete wie in Trance auf ihn zu, nicke, reiche ihm das Geld und nehme mein Päckchen Glück entgegen. Der schönste Moment des Tages. Ich halte meine wohlverdiente Beute in Armen, warm und köstlich duftend. Ich weiß nun, wie der Himmel duftet und das es sich lohnt auf dieses Gefühl zu warten.

Die anderen wartenden Hungerleider sind vergessen, ich wandere wie auf Wolken zum Aufzug, versuche nicht zu sehr zu sabbern und meinen Schatz gut festzuhalten.

Oben angekommen packe ich aus und haue rein. Bei der Nachspeise beginne ich im Kopf zu kalkulieren, wieviel Umsatz die Lieferdienste allein heute abend hier gemacht haben und ob es nicht eine ideal Geschäftsidee wäre, eine Sammelapp für hungrige Krankenhäusler zu machen, womit man die Anreise öokologischer und ökonomischer gestalten kann – denn dann müsste nur ein Lieferwagen kommen und nicht 15 verschiedene Boten. Andererseits würde das dann vermutlich länger dauern. Die Idee ist noch nicht ganz ausgereift.

Beim Wegräumen der Überreste grüble ich, ob ich morgen einen Abstecher zu den Anästhesisten mache und versuche die Schafsockenträgerin zu finden. Wenn ich es recht in Erinnerung habe, hatte sie ein Curry. Wenn es gut war, bestell ich mir eins für morgen Abend.

Cartoons, Kranke Geschichten - Strange Stories

Schräge G´schichten: Schatzimausi und der Schweinehund

Ich bemühe mich meine kleine, mehrtägige Verspätung aufzuholen und darum Voilá: Meine siebte schräge G´schicht in der Kategorie … aber das ist eine andere Geschichte ist fertig, inkl. zweier Zeichnungen für die Zeichen-Challenge #30SkizzenimNovember. Diesmal beginnt es dramatisch und endet bittersüß romantisch.

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30 Skizzen = 10 schräge Geschichten – Nr. 7:

Schatzimausi und der Schweinehund

Ich sitze auf meinem Bett, meine Mutter mir gegenüber. Zusammen starren wir den Krug an. Der tut so, als würde er uns nicht sehen. Das Zeug, das er in seinem Inneren hat, soll in meinen Magen. Damit man dann im Röntgen was sieht. Das Zeug ist aber eklig und das hoch drei. Megaobergrauseeklig. Als hätte man Schnecken verquirrelt, mit viel synthetischem Geschmacks-nicht-Optimierer versehen und mit Mineralwasser aufgegossen.
Eklig in Form, Farbe, Geruch und generell.

Aber es hilft nichts, das Zeug muss in meinen Darm und darum sitzen wir hier. Meine Mutter, die mich ins Krankenhaus gebracht hat, und ich.
Immerhin sitzen wir hübsch. Also vom Zimmer her. Es ist ein nobles Privatspital, das ich mir nie hätte leisten können. Doch meine Mutter wollte, dass ich zu diesem bestimmten Arzt gehe und der vollbringt eben nur in diesem bestimmten Hospital sein Werk, das mehr einem Hotel, denn einem kranken Haus ähnelt. Das sein Werk ein sehr bescheidenes sein würde, mit falschem Ergebnis, wissen meine Mutter und ich da noch nicht.

Also sitze wir hübsch in diesem Zweibettzimmer, mit nettem Ambiente und einer bis dato sehr schweigsamen Mitpatientin. Sie hat uns nur stumm begrüßt und wird aktuell von zwei fürsorglichen Schwestern betütelt. Die Gnädige-Frau-Quote ist hoch. Der Sinn ihrer Tätigkeit sollte vermutlich dem Ankleiden und der körperlichen Reinigung dienen, doch sie kommen nicht wirklich weiter, denn die gnädige Frau weigert sich sehr ungnädig, bei diesem Ballett mitzumachen. Sie blickt nur stumm und starr, mit bohrendem Blick, mal zur einen, dann zur anderen und sitzt mit ihrem zartgelben Nachthemd auf ihrem königlichen Bette.

Meinem Krug ist die Szene wurscht, er hat sich mir keinen Zentimeter genähert und so muss ich selbst seufzend zur Tat schreiten – das erste Glas des Schneckensmoothies wird eingeschenkt. Augen zu, Nase zu, meine Mutter nickt aufmunternd, ich würge das Gschloder todesmutig hinunter.

Anmerkung: Gschloder, das
Wienerisch für grausiges Gesöff, unansehnlich im Aussehen, eklig im Geschmack.

Die nächsten Minuten konzentriere ich mich mit aller Gewalt darauf, das Zeug da zu behalten, wo es hingehört. Dann folgen 5 Minuten durchatmen und dann gehts weiter zum nächsten Glas.
Würg.

Madame im anderen Bette hat die Szene rund um sich nach wie vor im Griff, was soviel bedeutet wie: Die armen Schwestern sind keinen Zentimeter weiter in ihren hehren Bemühungen.
In diesem Moment öffnet sich die Tür, ein kleiner, älterer, magerer Mann betritt den Raum, grüßt höflich in die Runde und dreht sich zu Madames Bette um.

Der Vorhang hebt sich, Madames Mimik belebt sich, Trommelwirbel, eine unsichtbare Kapelle spielt einen unhörbaren Tusch. Madame schärft den Blick, fokussiert den kleinen, netten Mann und brüllt mit Stentorstimme:

„ELENDER SCHWEINEHUND!“

Die Schwestern stehen wie Lots Säulen, die Szene gefriert, meine Mutter und ich sitzen mit offenem Mund und ebensolchen, riesengroßen Augen da. Keiner wagt zu atmen oder sich zu bewegen.

Madame richtet sich zu ihrer vollen Größe auf, soweit das sitzend möglich ist, und brüllt noch einmal, mit tiefem Drama in ihrer Stimme, so dass der Boden bebt:

ELENDER SCHWEINEHUND!
WARUM HAST DU MIR DAS ANGETAN!!!“

Aller Augen richten sich auf den kleinen Herrn, der die Hände ringt, dabei seinen Hut würgt, aber ansonsten erstaunlich unbeeindruckt von dieser Rede wirkt.
Aber Schatzimaus, sowas sagt man doch nicht, das gehört sich aber nicht, nein, Schatzimaus, das ist doch nur zu deinem Besten, gell, Schatzimaus, weil du bist ja so krank geworden, dass ich nimmer gewusst hab, was ich tun soll und die netten Schwestern und der liebe Herr Doktor Soundso hier werden dir nun helfen, damit du wieder gesund wirst und dann, Schatzimausi, dann kannst wieder heim und …

Ein schwarzer Blick aus dunklen Augen, die bei genauerer Betrachtung einen leichten roten Rand haben, der sich bei weiterer genauer Betrachtung konstant vergrößert, würgt die zarte Rede ab.

Schatzimausi anim1 - Schräge G´schichten: Schatzimausi und der Schweinehund

 

„Du Hund.“

Das Urteil ist gefällt, der kleine Mann muss es annehmen. Die Schwestern senken das Haupt, sind stumme Zeugen und würden am liebsten im Boden versinken. Das geht leider nicht, also versuchen sie nun weiter das zu tun, was sie die ganze Zeit tun wollten.

Meine Mutter und ich wechseln einen Blick, ich spüle schnell mein zweites Glas hinunter. Popcorn wäre fein, aber wir sind ja nicht im Kino. Nur im Vorstadttheater.

Der kleine Herr Schweinehund nähert sich unbeeindruckt dem Bett und säuselt weiter, in einem konstanten Tonfall, der seine Wirkung nur langsam entfaltet. Madame Schatzimausi ist voll auf ihn konzentriert, die Blicke müssen wie Dolche schmerzen. Aber Herr Schweinehund ist mutig und weicht nicht aus. Die Schwestern schaffen es endlich Madame, Bett und Kleidung so zu richten, wie sie es sich zu Beginn der Prozedur erhofft hatten. Herr Schweinehund spricht sanft weiter und versichert seinem Schatzimausi, dass alles nur zu ihrem Besten geschieht, sie bald wieder gesund sein werden, man ihr Medizin und gute Behandlung anteil werden lässt, sie in guten Händen ist …

ELENDER MÖRDER!

Das vernichtende Urteil hat Madames Mund donnernd verlassen, die Schwestern schnappen erschrocken nach Luft. Mir wäre fast mein drittes Schnecken-Glas aus den Händen gerutscht und ich gurgel es schnell nabelwärts, bevor es mir abhanden kommt.

Nein, mein Mausi, also was du sagst, nein, sowas aber auch, nein, nein, Schatzimausi, ich will dir nur helfen! Niemand tut dir was Böses ...“

Madame Schatzimaus schnaubt ungnädig, ihr Busen wogt, die Bettdecke vibriert und die Schwestern weichen drei Schritte zurück – sie wird sich doch wohl nicht erheben?

Schatzimaus, beruhig dich wieder, sonst musst wieder husten und dein Blutdruck steigt und das ist nicht gut und nein, du kannst nicht aufstehen, das geht doch nicht, dein Rollstuhl ist ja gar nicht im Zimmer, du musst nur ein bisserl Ruh geben, damit du bald wieder gesund bist, deine Medikamente nehmen …

Meine Mutter, die Schwestern und ich atmen kurz auf bei dem Wort „Rollstuhl„. Eine Gefahr weniger. Aber ich fürchte, Madame könnte uns eines Besseren belehren und sich dennoch von ihrem Throne erheben, um als rächende Göttin ihre Blitze und die sieben Plagen auf uns herab zu beschwören. Die Bettdecke zittert nach wie vor.

Ich bemühe mich schnell ein viertes Glas Moét de Schneck wegstecken, sicher ist sicher.

Madame Schatzimausi jedoch hat ihr vernichtendes Urteil verkündet, es steht felsenfest, in Stein gemeißelt. Ihr lieber Mann redet weiter auf sie ein, lässt seinen Singsang wirken. Madame könnte ihn mit einem sachten Wink ihrer Hand gegen Boden und in die Unfallaufnahme schicken. Er steht in ihrer Reichweite, aber ohne Angst, hält wacker die Stellung, unbeeindruckt von ihrer Wut, ihrer Verachtung, ihren tödlichen Blicken, dem Geschnaube und den nun nur noch leise und sehr giftig geäußerten Flüchen.

Das fünfte Glas aus dem Krug des Grauens ist geleert, ich haben fertig. Der Krug kam zu mir als Brunnen, er geht unge- und unerbrochen und ich hoffe, dass dieser Zustand noch eine Weile anhält, damit die Untersuchung störungsfrei ablaufen kann. Meine Mutter verstaut ihr, vor Aufregung, zerdrücktes Taschentuch in ihrer Handtasche, nickt mir aufmunternd zu und meint, dass wir nun zum zweiten Teil des Dramas weitergehen können. Ich deute auf das Nachbarbett, aber sie meint die Untersuchung.

Madame Schatzimausi hat sich soweit beruhigt, dass die Spannung im Zimmer fast wieder Normalniveau erreicht hat. Herr Schweinehund darf sogar ihre Hand halten und streicheln, während er, nun leiser und langsamer, weiter mit ihr spricht. Sie hat beschlossen ihn mit Schweigen zu bestrafen, ignoriert ihn, blickt an ihm vorbei zum Fenster. Die roten Augen haben sich wieder zurückentwickelt.

Meine Mutter und ich verlassen das Zimmer, ich muss zur Untersuchung. Der kleine Herr geht ebenfalls, er hat sein Schatzimausi in die Contenance geredet, so dass nun wieder Friede herrscht und sie sich (vorerst?) in ihr Schicksal zu fügen scheint.

Am Gang nickt er uns zu, seufzt kurz, wirft einen Blick zur Tür und sagt entschuldigend, leise und sehr liebevoll: „Sie war nicht immer so. Sie weiß gar nicht, was sie da sagt. Sie ist eine so wunderbare Frau. Das ist nicht ihre Art … das ist diese Krankheit. Sie ist ein herzensguter Mensch … kann keiner Fliege was zu Leide tun.“ Er lüftet grüßend den Hut und eilt weiter.

Ich schlurfe hinter meiner Mutter Richtung Aufzug und merke, wie sich das Vorstadtdrama in eine bittersüße Romanze verändert. Schatzimausi und ihr herzensguter Schweinehund – eine Beziehung, bei der einem die Worte „in guten, wie in schlechten Zeiten“ auf allen Ebenen bewusst werden. Und uns als demütige Zuschauer mit vielen Gedanken zurücklassen.

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