Briefe aus dem Leben mit CED
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Angst

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Lieber Herr Crohn,

Angst ist etwas sehr vielfältiges. Es gibt nicht nur „die Angst“, es gibt viele, viele verschiedene Ängste. Manche sind alt und von unseren Urururururururahnen als wichtiges Überlebensmittel vererbt. Andere haben wir uns in unserem Leben selbst herangezüchtet. Manche sind komplett irrational, hysterisch, unberechenbar und manche sehr persönlich, wie Höhenangst, Spinnenphobie und Zittern im Dunklen. Manche Ängste tauchen plötzlich, einmalig und völlig unvorhersehbar auf. Andere manifestieren sich in schweren körperlichen Panikattacken, die immer wieder und immer zum blödesten Zeitpunkt auftreten.

Einige Ängste sind gesellschaftlich anerkannt, andere verheimlicht man besser, niemand würde sie verstehen.

Und dann gibt es noch Ängste, die betreffen nur Mütter. Das sind Befürchtungen, die mit den eigenen Kindern zu tun haben. Auch Väter machen sich Sorgen um ihre Kinder, aber es gibt da eine ganz spezielle Angstsorte, die eben nur eine Mutter bekommt und die nicht kontrollierbar ist, die einem niemand nehmen kann und gegen die alle Argumente sinnlos sind.

Eine meiner Mutterängste taucht jedesmal auf, wenn eines meiner Kinder sich unwohl fühlt. Unwohl auf eine ganz spezielle Körperregion bezogen. „Mama ich hab Durchfall.“ und mit einem schrecklich stummen Geräusch stürzt sich die Panik auf mich, gräbt sich hinein und nimmt mir die Luft zum Atmen. Eine tiefsitzende, nicht ausrottbare Angst, die sich in meine Eingeweide gräbt und auch wenn ich weiß, dass ich nichts dagegen tun kann, dass es wahrscheinlich wie immer daran liegt, dass dieses Kind einfach nur etwas gegessen hat, was ihm nicht bekommen hat oder eine normale Magen-Darm-Grippe anklopft – ich habe Angst, dass du deine Klauen in Richtung meiner Kinder ausgestreckt hast. Und ich kann nichts dagegen tun.

Wie auch die anderen Male davor wird dieses kindliche Bauchweh sich nach 1-2 Tagen wieder auf normale Art und Weise beruhigt haben. Doch gegen die Angst einer Mutter, dass du dein hässliches Haupt in Richtung meiner Kinder drehst, kommt mein rationaler Verstand nicht an.

Ich kann nichts dagegen tun. Nur warten, dass es vorbei geht und mich damit beruhigen, dass im schlimmsten Fall des Falles eine Diagnose nicht so lange dauern wird, wie sie bei mir gedauert hat. Denn man weiß ja mittlerweile, dass du unter bösen Umständen vererbbar bist.

Der genetische Code, der eine der Ursachen deines Erscheinens ist, wandert manchmal von einer Mutter auf die Kinder weiter. Nicht immer trittst du dann auch auf. Es gibt viele Menschen, die deinen genetischen Stempel haben, aber ihr Leben lang keine Bekanntschaft mit dir machen.

Doch die Möglichkeit besteht und, verdammt, ich kann nichts dagegen tun.

Auch wenn ich das weiß und auch wenn mein Kopf weiß, dass es nie meine Schuld ist oder sein wird, egal was man vom Thema Erbsünde hält, ich kann nichts dafür, es ist einfach Pech … und ich weiß, dass das so ist, alle wissen es, auch meine Kinder kennen das Risiko.

Und doch fühle ich mich auf eine dumme, irrationale Art schuldig.

Wenn du dich auf meine Kinder stürzen solltest, irgendwann – und ich hoffe nur, dass das nie sein wird, ich bete darum -, dann weil ich ihnen den genetischen Code, deinen Türöffner weitervererbt habe.

Ich kann nichts dagegen tun, konnte es nie und wußte erst lange nach der Geburt meiner beiden Kinder, dass diese Möglichkeit besteht.

Niemand macht mir einen Vorwurf, sie am allerwenigsten, im Gegenteil: sie beruhigen mich, ahnen unbewusst, dass ich mich elend fühle bei dem Gedanken. „Mama, ich hab nur was Schlechtes gegessen, nicht aufgepasst, chill Mama, alles ist ok.“

Aber die Angst ist da.

Sollte mich wer fragen, was die schlimmste Befürchtung ist, die ich im Zusammenhang mit dir habe, wovor ich mich am meisten fürchte, dann sind das nicht mögliche Operationen, Komplikationen, Schmerzen, Schübe, Therapien und deren mögliche, verheerende Nebenwirkungen, gesellschaftliche Ausgrenzung und krankheitsbedingte Einsamkeit.

Es ist die Angst, dass meine Kinder mit dir krank werden.

Und ich kann nichts dagegen tun. Niemanden um Vergebung bitten, weil es nichts zu verzeihen gibt. Niemanden anklagen, weil niemand Schuld hat. Niemanden zur Rechenschaft ziehen, weil es einfach Pech ist und nicht berechenbar.

Ich weiß das alles, weiß das ich in Wahrheit schuldlos bin, doch das ändert nichts daran, dass die Mutter in mir sich elend und schuldig fühlt und in Gedanken, so dass man von außen nichts davon mitbekommt, händeringend um Gnade bittet, für meine Kinder.

Ohnmacht ist die schlimmste aller Angstfolgen. Nichts tun zu können, außer zu hoffen, dass die Statistiken lügen und dieser Kelch an ihnen vorüber geht. Die Chancen dafür stehen nicht schlecht.

Doch die Angst kommt bei jedem Unwohlsein wieder und wird nie aufhören. Meine Kinder sind nun in den Zwanzigern, sie werden aber immer meine Kinder sein und ich werde mich immer für sie verantwortlich fühlen. Mütter sind so. Das ist normal und ok.

Wenn es nur um mich geht, dann kann ich mit den Ängsten, die mit dir kommen, umgehen. Egal was es ist. Es mag zwar anfangs schlimm sein und ich brauche manchmal länger um damit fertig zu werden. Aber wenn es nur um mich geht, dann schaffe ich das irgendwie.

LieberHerrCrohnBuchAber bitte, bitte lieber Herr Crohn, lass meine Kinder in Ruhe.

Hoffnungsvoll auf dein Einsehen hoffend,

Michaela

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