Briefe aus dem Leben mit CED
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Hoffnung

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Liebe Hoffnung,

wir hatten in letzter Zeit nicht viel miteinander zu tun. Lag daran, dass du mir immer wieder aus den Händen geglitten bist, zu wenig greifbar warst, zu dünn … ich hab dich eigentlich schon länger nicht gesehen.

Mag ja sein, dass du da warst, aber ich glaube, wir haben einfach nur so nebeneinander her gelebt.

In den letzten Tagen aber hat sich was verändert. Du erscheinst mir plastischer, näher bei mir, fast kann ich dich spüren. Ist noch zu wenig um zu sagen: Wir sind wieder ein Team. Aber es könnt wieder was werden.

Ich weiß, dass du ein flüchtiges Wesen hast, dich leicht vertreiben und ablegen lässt. Im Dunkeln sieht man dich gar nicht. Obwohl es gerade da gut wäre, dich zu spüren. Enttäuschungen können dich verjagen. Dann bist du weg und es ist nicht mal mehr eine Spur von dir da.

So zart du bist, so tief ist aber das Loch, dass deine Abwesenheit hinterlässt. Tief, dunkel und mit spitzen Steinen gepflastert. Dummerweise ist es auch noch so eingerichtet, dass man dich noch weniger sieht, je länger man in diesem Loch deiner Abwesenheit drin hockt. Ein Paradoxon, dass skuril wäre, wenn es nicht so traurig ist.

Bist du weg, kommst du von allein nicht wieder. Dann braucht es einen Schubs von irgendwas anderem. Glück, Freude, Zuversicht, Zufall, neue Perspektiven … irgendwas in dieser Richtung.

Diesmal war´s eine Mischung aus allem und dazu eine neue Therapie, die ich seit ein paar Wochen probiere.

Du bist da und ich kann dich zart schimmern sehen. Pastellfarben, durchscheinend, nur im Augenwinkel wahrnehmbar und richtet man den ganzen Blick auf dich, bist du nicht mehr zu sehen. Manchmal aber noch zu spüren.

Liebe Hoffnung, womit kann ich dich füttern, damit du kräftiger wirst und mehr Substanz bekommst? Ich finde es schön, dich wieder in meiner Nähe zu haben. Es fühlt sich gut an, aber ich wage nicht mir das laut einzugestehen. Denn ich habe zu oft erlebt, dass genau das dann dafür sorgt, dass du wieder abtauchst.

Es ist wie mit deiner Schwester, der Vorfreude. Die ist sehr kapriziös und fokussiert man sich zu viel auf sie, saugt sie alle Energie aus dem Ereignis, das am Ende ihrer Existenz steht, wenn aus der Vorfreude eine reale Freude über das Erreichte werden sollte. Als würde man mit 100 Sachen Vollgas, juppidu, in einer Sackgasse gegen die Wand krachen. Tut weh und hat die Macht, die Vorfreude im Rückblick als hämisch grinsenden Täuschkobold zu enttarnen.

Komm, liebe Hoffnung, lass dich locken, mach es dir gemütlich bei mir. Ich mag dich, du wärmst so schön und ich würde dir gern einen Platz schaffen, wo du dich wohl fühlst, damit du dauerhaft bei mir einziehen kannst. Worauf stehst du denn so? Gute Musik, Kuschelkissen, leckeres Essen, Lachen und lustige Gespräche, positive Gedanken, schöne Befunde …? Ich kann dir nicht alles versprechen, aber ich kann dir versprechen, dass ich mich bemühen werde, für einen guten Aufenthalt zu sorgen, so weit es mir möglich ist.

Meine Ärztin hat gestern da einiges dazu beigetragen, denke ich. Sie ist zufrieden mit dem Ansprechen der neuen Therapie und als sie das gesagt hat, habe ich gespürt, dass du gewachsen bist. Das war schön. Bitte wachs weiter, denn es tut mir gut.

In ein paar Tagen erfahre ich, was bei den Blut- und Stuhlproben rausgekommen ist. Ob meine Werte sich passend zum subjektiven Besserfühlen gebessert haben. Es braucht diese Parameter, damit man objektiv einen Erfolg diagnostizieren kann. Schwarz auf Weiß bietet irgendwie mehr Sicherheit als das unspezifische „es schaut aus als ob“.

Ich weiß, dass dir das Angst macht. Mir auch, weil ich weiß, dass dich ein schlechtes Ergebnis schwächt und wieder schrumpfen lässt. Komm, wir schaffen das. Sind ja nur Zahlen am Papier, ist auch noch viel zu früh um wirklich was sagen zu können. Selbst wenn die Werte so sind wie vor Beginn der Therapie, sagt das noch gar nichts aus über die kommende Wirkung.

Du merkst, dass ich versuche im Vorhinein abzusichern, falls die Befunde nicht so hübsch sind wie gewünscht. Ist nur eine Vorsichtsmaßnahme, um dich und mich zu beruhigen.

Das liegt auch daran, dass dein Bruder Glaube mir auch schon länger die kalte Schulter zeigt und ich mit ihm immer wieder hadere. Ich mein nicht den religiösen Cousin, sondern den Glauben daran, dass alles gut wird. Der könnte dein Zwilling sein, so sensibel wie er ist.

Genauso zart besaitet, leicht vergrämbar, fast schon zickig.

Aber was beschwer ich mich, bin ja genauso.

„Hochsensibel“ nennt man das in heutiger Zeit, wo man alle paar Jahre ein neues Adverb für etwas kreiert, was es schon immer gegeben hat.  Früher war man ein „Sensibelchen“, empfindlich, schüchtern, nicht belastbar. Heute ist man hochsensibel und kann alle ergänzenden Symptome googlen. Es klingt zugegebenermaßen auch viel cooler. Verglichen mit „überempfindlich“ ist hochsensibel einfach mehr sexy und vielleicht habe ich deshalb nichts dagegen, als hochsensibel bezeichnet zu werden. Immer noch besser als hysterisch, überempfindlich, zickig, überreizt oder – die Krönung – burn outig. Das einem die Welt fallweise zuviel wird, wenn man an allen Ecken und enden mit dem Dasein kämpft, betrifft nicht nur Hochsensible.

Also: lass uns sexy sein, aber nicht zu viel – sonst verlieren wir beiden den kostbaren Boden unter den Füßen.

Zum Glück hat mich aber eins deiner Geschwister nie ganz verlassen: Humor. Den brauch ich ganz, ganz dringend. Denn er ist der einzige, der es immer wieder schafft, mir eine Leiter in das Loch deiner Abwesenheit zu schieben. Daran zieht er mich kichernd hoch und erzählt mir am Weg ein paar deftige Zotten. Nicht immer jugendfrei, manche sehr derb, aber sie bewirken, dass ich Kraft bekomme und aus dem Loch herausfinde.

Oben angekommen sitzen wir dann beide erschöpft, aber kichernd und sagen „Ach, scheiß drauf – was soll´s, wenn nicht dies, dann halt das.“ und weiter geht´s. Galgenhumor nennt man ihn dann fallweise, diesen Bruder deiner einer. Er nimmt´s gelassen und grinst dazu.

Liebe Hoffnung, bitte lass dich von ihm ein wenig aufheitern und fasse Mut, deine toughe Schwester, an der Hand. Sie gibt uns beiden immer wieder viel Kraft.

LieberHerrCrohnBuchIch freue mich jedenfalls dich nach langer, langer Zeit wieder mal zu sehen und danke dir herzlichst für dein Zurückkommen.

In aufrichtiger Freude,

Michaela

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