Allgemein, Briefe aus dem Leben mit CED

Liebes Leben, wir müssen reden.

Liebes Leben,

die letzten Wochen hatten wir so etwas wie eine on-off-Beziehung: Du bist mir unterm Arsch davon galoppiert und ich dir mühsam hinterher gehechelt. Habe ich dich eingeholt oder hast du an einer Ecke, ungeduldig zappelnd, auf mich gewartet, sind wir uns kurz begegnet, auf ein paar Minütchen, selten Stunden. Ich hechelnd, atemlos und froh, mal wieder einen Zipfel von dir zu erhaschen. Du schon wieder am Sprung wohin, wo ich dir nur in Gedanken folgen konnte.

Gerne wäre ich mitgelaufen, in dieses „wohin“. Hätte Neues entdecken, Altes belebt, dies und das mitgemacht. Aber du warst mir einfach zu schnell. Mir geht grad flotter die Puste aus, als ich „Halt, warte auf mich!“ rufen kann. Wobei das Rufen Kraft erfordern würde und die ist zur Zeit auf Urlaub. Also würde es eher ein Flüstern werden.

So habe ich versucht, dir aus der Ferne zuzusehen. Aus meinen vier Wänden heraus, fallweise vom Garten, über den Zaun spickend. Selten, sehr selten im Geschehen außerhalb dieser geschützten Werkstätte, wie ich meine heimelige Komfortzone auch betiteln könnte.
Ein wenig habe ich dann und wann auch via Internet bei dir vorbei geschaut. Ok, war fallweise mehr als nur ein wenig und eher öfter täglich, als dann und wann. Zumindest an den Tagen, wo mein Kopf kein migränegrantiges Veto eingelegt hat und meine Kraft nicht schon vorher für anderes drauf gegangen ist. So oft, wie mir die in den letzten Wochen flöten ging, hätte ich eigentlich schon ein mehrstimmiges Konzert mit vollem Orchester geben können.

Zum Spuren hinterlassen oder selber mitzwitschern, instagrummeln oder fazebucken hat es nicht gereicht. Im Gegenteil: Allein der Gedanke, was zu posten oder zu kommentieren, war absurd weit weg – K. e. i. n. e. Kraft dafür.
Nur das riesengroße Bedürfnisse, mir eine dunkle Höhle zu suchen, um drei Jahre Winterschlaf auf einmal nachzuholen. Leider gibts kaum noch Bären, also auch keine entsprechenden Höhlen, die nun, im Frühling, für so eine Aktion frei geworden wären. Abgesehen davon sind wir Menschen keine Winterschlafianer. Leider. Würde viele Probleme gar nicht erst entstehen lassen.

Madame Fatigue war das alles herzlich wurscht. Die hat sich ohne Höhle, ohne Einladung und ohne Scham bei mir ausgebreitet und es gar nicht gern gesehen, wenn ich mit dir geliebäugelt habe.
Eifersüchtige Trutschn.
Habe ich mich einmal unter ihrer Fuchtel wegstehlen können, hat sie mir die Folgetage gemeinsam mit Mrs. Migraine zur Hölle gemacht. Das war keine Szene mehr, dass war ein 72 Stunden-Blockbuster, mit Zugaben.
Diese migränige Bissgurn hat ja nicht alle Tassen im Schrank, mit Verlaub. So hysterisch, besitzergreifend und mit derart lang anhaltendem Kopfgezetter, wie diese Funsen sich die letzten Monate ausgetobt hat ! Einfach unpackbar, kein Benehmen, nicht mal Ansätze von Contenance und nur mit massiven Hämmern in den Griff zu bekommen. Uff.

Aber ich komme schon wieder ins Sudern*. Dabei will ich dir doch nur sagen, dass ich es schön fände, wenn wir wieder mal was gemeinsam machen würden. Eisessen, Kino gehen, Kulturelles beäugen, Nasenbohren oder eine Runde wandern. Nicht alles auf einmal, nicht unbedingt allein (außer dem Nasenbohren), mit ausreichend Erholzeit davor, dazwischen und danach.

Aber irgendwie bist du einfach zu schnell für mich. Kaum habe ich den Gedanken einer Idee, was ich mit dir gerne zusammen machen würde, bist du schon wieder drei Tage weiter oder hast mir zwischen Tür und Angel eine Rede im Schnellsprech dagelassen, die ich mir erst noch fertig anhören muss, ehe ich mich daran machen kann, ihren Inhalt zu verstehen. Bis ich eine Antwort darauf gefunden habe, ist die Sache verjährt. Sofern ich es zwischendurch nicht wieder vergesse.

Das liegt nicht an mir, sondern am Dings, dem … du weißt schon was … liegt mir auf der Zunge … warte, gleich hab ichs … ja, so zappel doch nicht rum! Und Augen verdrehen hilft auch nix, da fällt mir das Dings ja nie ein! Ah, jetzt hab ichs, schnell raus damit: Wortfindungsstörung. So nennt man das. Ist aber auch ein schweres Dings. Also Wort.

Ausgelöst vom berüchtigten Brainfog: Nebel im Oberstübchen, durch Fatigue, chronische Erschöpfung, Überlastung, Crohn, Sjögren, Eisenmangel, Migräne, Medikamente, was-auch-immer-Dings hervor gelockt.
Der Nebelzwerg hockt zwischen den Ganglien und zieht hämisch kichernd die Synapsenstecker, wodurch es mir mitten im Satz den Strom abdreht und ich nur noch „Dings“ stottern kann oder PunktPunktPunkt. Immerhin gut, dass es das Dingswort gibt. Müsste man sonst erfinden. Stress und zappelnde Gegenüber machen das Dings größer und wer dann noch versucht,  mir mit Worten auszuhelfen, der drückt damit auf die „delete anything“-Taste.

Ja, so schauts aus.
Aber was wollt ich dir eigentlich sagen?
Also schreiben? …?

Ah, ja, genau: Ich sitz an der Ecke, wo du vor drei Tagen vorbeigekommen bist, als du auf dem Weg zum Tanz in den Mai warst, und ich nur mal kurz noch aufs Klo wollte-musste, aber du schon weg warst, als ich Stunden später wieder rauskam. Ich hab dann auch nicht gleich nachkommen können. Musste erst noch zu einem Kopfdoktor nach Wien, was auch Sidney oder der Mann im Mond hätte sein können, weil: Weltreise.

Dem hab ich dann das Dings, also die Migräne, auf die Couch gelegt, damit er mit ihr ein ernstes Wort spricht. Hat er dann aber mehr mit mir getan, weil die olle Trulla nicht zuhören wollte und stattdessen Stepptanz in meiner Stirnhöhle trainiert hat.
Jedenfalls haben der Herr Doktor und ich mal gründlich alle Fakten auf den Tisch gelegt und diskutiert, was es – außer Rübe ab – für Möglichkeiten gibt, mir die Oberhoheit über Hirn, Kopf und Synapsen wieder zurück zu erobern.
Der langen Rede kurzer Dings: nicht viele. Eigentlich nur zwei.
Und die eine davon hab ich mir nun auf die Stirn geklebt. Ein elektronisches Dings, dass die Oberstübchennerven mittels Strom daran erinnert, dass es noch andere Schönheiten gibt, abseits der migränischen Funsen, auf die sie hören könnten.

Klingt ein bisserl nach elektrischem Stuhl und Folter, nur am oberen Ende des Körpers. Tut aber gar nicht mal sehr weh, nur ein bisschen und das eher von der guten Sorte. Schaut dafür sehr spacig aus und ich hoffe, ich vergesse nicht es regelmäßig nach der Behandlung abzunehmen. Denn wenn ich damit auf die Straße gehe oder dem Postboten so die Tür öffne, könnte eine kleine Massenpanik im Sinne von „SIE sind unter uns! Die Aliens! Die Androiden! Die Körperfresser! Die Steuereintreiber!“ ausbrechen.
Oder jemand versucht das Dings zu hacken und übernimmt meinen Kopf mittels Fernsteuerung. Was in manchen Momenten vielleicht gar nicht so schlecht wäre.

Egal.

Jedenfalls: ich britzel mir also nun meine Trigeminusnerven auf Vorderfrau und versuche so die Migränische aus dem Kopf zu vertreiben. Weil das immer noch besser ist als die zweite Methode, die der Hirn & Nervenprofessor in Wien vorgeschlagen hat.

HerreSjoegren 219x300 - Liebes Leben, wir müssen reden.Und darum schreib ich dir, damit du weißt, dass ich noch immer daran interessiert bin, mit dir zusammen zu sein. Zwar werde ich auch ohne Kopfgewitter nicht mehr die Flotteste werden und auf Dauer nur schwer bis selten mit dir Schritt halten können. Zuviel Gedöns, Trubel, Hektik und mehr Menschen, als Finger an meinen Händen, sind nicht mehr so mein Dings. Da hüpft schnell die Panik ins Nervenkostüm und bettelt schnappatmig darum abgeholt zu werden.
Dazu hab ich einfach zu viel anderes im Rucksack, wie den lieben Herrn Crohn und den alten Schweden Herre Sjögren. Aber wenn du ein bisserl langsamer rennst und ich an manchen Tagen ein bisserl schneller unterwegs bin, dann könnten wir uns ja mal treffen und gemeinsam was machen. Was meinst du, liebes Leben, wäre das eine Idee?

Ich warte dann mal weiter an der Ecke von vor drei Tagen und wandere langsam hinter dir her. Zwischen den Britzeltherapien, mit meinen ungeliebten BegleitgenossInnen und dem schweren Rucksack. Vielleicht sehen wir uns bald mal wieder und bis dahin: habs gut und vergiss mich nicht!

Alles Liebe liebes Leben,
MiA

P. S.: Falls du vor hast umzukehren und mich an der Ecke abholen willst, gib bitte Bescheid. Denn falls ich am Weg eine leere Bärenhöhle finde, probiere ich die Idee von oben aus und versuch den Winterschlaf ins Menschendasein hinein zu evolutionieren.

*Sudern: Klassisches Ostösterreichisch für raunzen, jammern, mieselgranteln. Nur mit mehr Geknautsche.

Allgemein

Adieu Rotschopf – Willkommen Punk-Locken!

Irgendwann hat man genug. Dann ist man rausgewachsen aus einer Phase, das Leben hat einen verändert und das soll sich auch im Außen zeigen dürfen.
Irgendwann dreht sich das Rad der Zeit optisch in eine andere Richtung und das ist gut so.
Irgendwann hat man sich dann an auch sich selbst satt gesehen und strebt nach etwas anderem. Back to the roots zum Beispiel.
Knappt 20 Jahre lang hatte ich rote Haare. Davor eine Farbe, die meine eigene war und die ich liebe-hassvoll als „Straßenköterblond“ bezeichnete.
Als Kind war ich weiß- bis goldblond und hatte sogar Engelslocken (zum Täuschen und Tarnen, wie meine älteren Anverwandten unisono immer anmerkten. Keine Ahung, was sie mir damit sagen wollten;). Dieser Engelslook war mit Beginn des Volksschulalters Geschichte und meine nun dünkleres Kopfbüschel verwandelten sich in fade, undressierbare Schnittlauchhaare. Dann kam die Ära der Dauerwelle. Das war kein Zuckerschlecken, optisch und vom Machen her. Aber da mussten wir damals wohl alle durch.

Zwei Kinderleins später und am Wieder-Mal-Leben-Umordnen verpasste mir ein mutiger Friseur den ersten roten Schopf. Wow. Meine Umgebung und ich waren ebenso verdattert wie beeindruckt. Ich weiß bis heute nicht, was davon mehr. Aber der rote Schopf gefiel mir, ich kehrte immer wieder zu ihm zurück und schlussendlich blieb er. Zuerst und zwischendurch arbeitete ich mich und meinen Kopf durch diverse bunte Phasen: Strähnchen in orange, rot, gelb, dann komplett schwarz (a la Schneewittchen auf Drogenentzug), dazwischen dann braun und schlussendlich dann so gut wie alle roten Schattierungen. Eine bunte Zeit war das, die sich auf meinem Kopf austobte. In meinem Behindertenpass ist noch ein Foto von damals (2009): kreischrote Bürste am Kopf – Pumuckl reloaded.

Zwischendurch war einmal fast Total-Kahlschlag dran. Durch den Crohn, die damit verbundenen Mangelerscheinungen und die Medikamenten, sind mir die Haare fast komplett abhanden gekommen.
Ein Hautarzt meine damals lakonisch-brutal: „Die kommen nimmer. Schauen Sie sich schon mal nach einer hübschen Perücke um, die werden Sie bald brauchen.
Das war ebenso falsch wie unsensibel.

Ein halbes Jahr später, als die Therapie endlich griff, kamen auch die Haare zurück. Dunkel und lockig – ich hab geheult vor Freude! Ein Jahr lang hatte ich die schönsten Haare meines Lebens. Aus mir bis heute unerfindlichen Gründen hörte der schöne Spaß dann von selbst wieder auf, die fadbeigen Schnittlauch-Antilocken kamen wieder und ich griff erneut zum roten Farbtopf.

Vor mehr als 10 Jahren begann ich dann, mir das Oberstübchen mit mehr Natur zu bebunten – Henna kam ins Programm und löste die grausigen, mir heute den Magen umdrehenden, „Chemie“-Farben ab. Wobei Henna ja auch Chemie ist, wie fast alles im Leben, und auch nicht unbedingt das Gesündeste, was man sich auf den Kopf packen kann.

Diese natürlichere Farbe war zwar deutlich besser als die chemische Keule. Aber das Prozedere ist ein mühsames. Alle vier bis sechs Wochen kam der duftende Gatsch aufs Haupt. Ich sah aus, als hätte ich mir eine Kuhflade aufgesetzt und das Ganze roch auch immer leicht nach anverdautem Gras. Nicht unangenehm, aber dennoch etwas strange.
Die Farbe tropfte zudem bei jedem Waschen und Nass werden aus den Haaren raus. Auf Reisen hatte ich immer ein eigenes rotes Handtuch mit, damit ich in Hotels nicht die dortigen, meist blütenweißen, bebuntete. Kaum war das Ausbluten am Kopf beendet, war ein neuer Färbedurchgang dran, weil Nachwuchs und so.

Letzen August dann war es mir spontan genug. Die ganze Haarprozedur ging mir so auf den Keks, dass ich beschloss, mir das Leben in dieser Beziehung gründlich zu erleichtern – Minimalismus beginnt im Kopf, sagt man. Bei mir begann er am Kopf.
Nicht nur das Färben nervte, auch das Haare waschen alle zwei Tage und das anschließende Föhnen, Stylen, „zurecht machen“ … pffffff. Mir war die Zeit einfach leid dafür und auch mit Öko-Mitteln war es noch immer zuviel Brimborium.
Der erste Umstieg war ein Verzicht auf Shampoo und Co. Anfangs habe ich mir die Haare mit Roggenmehl gewaschen. Was gut geht, wenn auch sehr gewöhnungsbedürftig. Unterwegs ist das aber weniger empfehlenswert, speziell wenn man mit dem Flugzeug reist. Weißes Pulver im Gepäck sorgt unter Umständen für seltsame Fragen, die längere Erklärungen nach sich ziehen. „No-Poo“ war die Lösung – was schmutzig klingt, sich aber von „kein ShamPoo“ ableitet 😉

No-Poo – Haare ohne Shampoo waschen
Die Haare werden nur mit warmen Wasser gewaschen und täglich zweimal mit einer Naturhaarbürste gründlichst gebürstet. Das klingt für die meisten schräg – die Haare müssen doch stinken, wenn man sie nicht mit Seife schrubbt?!
Fakt ist: Die Haare stinken überhaupt nicht.
Sofern man sie richtig pflegt und das bedeutet: viel warmes Wasser, gründlich und sanft knetend waschen, bei hartem Wasser anschließen mit verdünntem Apfelessig spülen und den nach 2-3 Minuten wieder ausspülen. Dann mit einem groben Kamm strählen, an der Luft trocken lassen, abends und morgens mit einer guten Naturhaarbürste gründlich und ausgiebig bürsten – that´s it. Hier ein (englischer) Beitrag, der mich unter anderem zu dem Versuch inspiriert hat: A year of no shampoo

Allerdings braucht es einige Zeit, bis sich die Haare umgestellt haben und anfangs wäscht man im alten, vor Non-Poo Rhythmus. Die meisten Anleitungen berichten, dass das Umstellen 2-3 Monate dauert. Bei mir war es ein dreiviertel Jahr. Mittlerweile muss ich nur noch alle 5-6 Tage waschen und die Prozedur ist um einiges angenehmer und deutlich kürzer als das, was vorher zu tun war.

Ein Grund, warum es bei mir so lange gedauert hat, bis sich die Haare an die neue Zeremonie gewöhnt haben, waren die ewig und drei Tag´ gefärbten roten Haare. Das, was ab August nachgewachsen ist und mit der neuen Methode gepflegt wurde, hat ein komplett andere Struktur, ein anderes Aussehen und – HURRA – auch die Locken kamen zurück. Nebenbei wuchsen die Haare, die bis dahin Jahr für Jahr immer dünner und auch schmerzlich schütterer geworden waren, deutlich dichter nach. HACH!

Die Zeitersparnis, die mir diese minimalistische Haarpflegemethode einbringt, stecke ich in das Ausleben von Glücksgefühle und andere wichtige Handlungen. Auch wenn das nun übertrieben klingt: Ich hatte das Gefühl, dass ich eine Sklavin meiner Haare geworden war. Nun geht das Prozedere in einem Aufwasch mit dem Duschen und das zweimal tägliche gründliche Bürsten ist eine willkommene Kopfmassage.

Allerdings müsste ich lügen, wenn ich behaupten würde, dass das Oberstübchen ab dem Zeitpunkt, wo ich umgestellt habe, immer hübsch und adrett aussah. Wer schon mal versucht hat, sich gefärbte Haare rauswachsen zu lassen, weiß wovon ich rede: es dauert eeeeeewig, bis man die Farbsünden wieder los ist.
Hinzu kam der teils doch sehr krasse optische Unterschied zwischen den alten und den neuen Haaren. Seit Weihnachten war ich nun nur noch am Warten, dass die Länge der „Neuen“ endlich soweit war, dass ich mich in Frieden von den alten trennen konnte.

AdieuRotschopf 005 225x300 - Adieu Rotschopf - Willkommen Punk-Locken!Und nun wars soweit:  die letzten roten Haare durften gehen.
Als Anti-Depri-Therapie nach meiner letzten Koloskopie war ich bei der besten Friseurin der Welt und habe mir von ihr wieder zu guter Laune im und am Hirn verhelfen lassen.
Das Schöpfchen am Köpfchen ist nun kurz und in einem Farbton, den man mit Goodwill als goldiges Aschblond bezeichnen kann 😉

Im neuen Haarkleid finden sich nun auch weiße, sich gänzlich anders gebärdenden Kraushaare. Wobei „kraus“ so nicht stimmt, es sind eher Zacken, die sich gen Himmel recken und ich liebe diese wilden, sich nix pfeifenden, weißen Haare sehr. Es sind für mich die Punklocken des Alters.

Falls ich mal nicht weiß, wie ich auf etwas reagieren soll, hilft mir hoffentlich ein Blick in den Spiegel und sie erinnern mich: Man darf herausstechen, seinen eigenen, wilden Weg gehen, mit Ecken und Kanten, abseits der konformen restlichen Lockenpracht 😉

AdieuRotschopf 104 - Adieu Rotschopf - Willkommen Punk-Locken!Apropos Locken: Hab ich schon gesagt, dass die wieder da sind? 🙂 Und ich hoffe sehr, dass sie gekommen sind, um zu bleiben. Was mich betrifft, werde ich sie soweit als möglich dabei unterstützen und das bedeutet, dass ich sie so pflege, wie sie seit ihrem neuen Erscheinen behandelt wurden: ohne Shampoo, nur mit Wasser, fallweise etwas verdünntem Apfelessig, mit einer kräftigen Bürstenmassage zweimal täglich und allen zehn Fingern, die ihnen helfen, sich in die Form zu begeben, die sie spontan einnehmen wollen.

Adieu Rotschopf, willkommen Punklocken des Alters – ich freu mich aufs gemeinsame Headbangen!

AdieuRotschopf 113 - Adieu Rotschopf - Willkommen Punk-Locken!

MichaelaScharaAvatar 150x150 - Adieu Rotschopf - Willkommen Punk-Locken!Das einzige, was nun gar nicht mehr stimmt, ist mein Avatar, den ich auf allen Kanälen habe, mit meinem alten Rotschopf als Markenzeichen.
Aber ich denke, das bekomme ich auch noch gebacken 😉

Allgemein

Post-Kolo-Depri

Hält mein Crohn die Klappe, ist also in Remission, gehe ich alle zwei Jahre zur Koloskopie, plus Becken-MR, um Dickdarm und Umgebung kontrollieren zu lassen. Im Jahr dazwischen geht es zum MR Enteroklysma, wo der Dünndarm beäugt wird.

Die Kolo mache ich stationär im Krankenhaus. Aus diversen Gründen, aber hauptsächlich weil mein Kreislauf sich früher als ich hinlegt und ich beim „Spülmittel“ schlucken regelmäßig mit Übelkeit kämpfe. Nebenbei werden dann auch gleich ein paar andere Untersuchungen mit erledigt. Ein Full-Service sozusagen.

Das Highlight der Aktion:
Die erlösende Spritze vor der Untersuchung, damit ich von der restlichen Angelegenheit nichts mitbekomme. Das ist der Punkt, auf den ich mich ehrlich freue, denn damit ist das Drama davor erledigt und nun werde ich mit einem sanften Schlummer belohnt.

Was mir allerdings fehlt:
Eine Spritze für den Tag nach der Untersuchung. Wo es einem ja eigentlich gut gehen sollte, weil: alles erledigt. Man ist meist wieder daheim, hat gutes Futter im Bäuchlein und wieder Ruhe für zwei Jahre, im besten Fall. Gesetz dem Fall, dass die Befunde wonnig und heiter sind.

Irgendetwas mache ich da falsch, denn bis kurz nach der Untersuchung bin ich positiv motiviert, schmeiße Witzchen durch die Gegend, schäkere mit dem Pflegepersonal und muntere meine Zimmerkolleginnen auf, soweit möglich.

Kaum daheim, Koffer ausgepackt, am Sofa lümmelnd und die Füße am Couchtisch, kommt der mentale Hammerschlag: Kabumm – und die wonnigsonnige Laune verliert sich in einem Wasserfall aus Tränen. Da kann auch ein guter Befund nichts dran ändern. Wobei ein nur leidlich guter das Anschlussdrama selbstredend deutlich verschlimmert. Denn dann kommt noch die immer miese Frage nach dem „Wozu tue ich mir das überhaupt noch an?!“ hinzu.

Es ist nicht sehr motivierend, wenn der Crohn trotz Diätdisziplin, Medikamenten-Compliance, unterstützenden Therapien und allen anderen positiven, mich gesund erhaltenden Dingen beschließt, meine Darmschleimhaut mit seiner hässlichen Tapete zu versehen. Da sinkt die Moral auf einen Tiefpunkt, der dem im akuten Schub nahe kommt.
Auch wenn mein Hirn weiß, dass das nur eine kurze Momentaufnahme ist, es jedes Frühjahr so ist, weil ich da aus meinem Wintertief herauskomme und noch nicht so in die Frühlingsgänge gekommen bin usw. usf.

Befund hin oder her, im Anschluss an den All-inclusive-mit-Animation-aber-ohne-Essen-Aufenthalt spielt sich jedesmal das gleiche Drama ab: Die Seele leidet und will sich mit den guten Emotionen aus dem Staub machen – ich segle mit Vollgas in ein Nach-Koloskopie-Tief. Eine besondere, sehr individuelle Depressionsform, die ich noch in keinem Lehrbuch gefunden habe.

Am ehesten kann man es vermutlich mit „Entspannungstrauer“ übersetzten. Der Stress ist weg, die Anspannung vor der Untersuchung , die Hektik der Vorbereitung lassen einem keine Zeit für mentale Befindlichkeiten. Währenddessen ist Schlummerpause. Aber ist das Prozedere ist erledigt und wieder daheim, geht die Kellerschublade auf. Da werden vorweg und während der intensiven Stunden alle Bedenken, Ängste und Vorbehalte verstaut. Weil das Köfferchen fürs Spital schon voll war und man keinen zusätzlichen Reisekoffer für diesen Emotions-Krempel packen wollte.

Daheim, in trauter Ruhe, nach dem Spitalstrubel, geht besagte Lade auf und man erkennt, dass es gar keine kleine Schublade, sondern mehr eine Falltüre in ein tiefes Kellerabteil ist. Denn das, was da nun rausgekommen ist, passt in keine kleine Lade. Oder sind ist das in der Abgeschiedenheit so gewachsen?

Daheim, allein am Sofa, in der vertrauten, stillen Umgebung, kriechen sie monstergroß aus dem Kellerloch, setzen sich miefig und grummelig, mit verheulten Augen, zu mir auf die Couch und innerhalb von Minuten ist da kein Platz mehr für mein sonniges Ich, meine heiteren Gedanken, meine „Juhu, ich habs wieder geschafft„- Motivation. Die Luft wird knapp und der Rest davon so schwer, dass ich Mühe habe zu atmen. Am liebsten würde ich alles rauskotzen. Vor allem das grausige Abführmittel, dass ich zwar physisch schon lange losgelassen habe, aber irgendwie hängt es vom Gefühl her noch im Blut und ziept an den Nerven, die nun ohne Schlafspritze alles nachholen wollen, was ich im Krankenhaus so hübsch verdrängt habe.

Warum weinst du denn? Ist ja alles gut gegangen, der Befund ist ok, war schon mal besser, aber viel öfter schlechter. Sei doch froh, die Sonne scheint, du hast wieder Ruhe für zwei Jahre!

Ja, eh.
Aber so einfach geht das leider nicht.

Vom Gefühl her wird es mit jedem Mal schwieriger. Nicht die Untersuchung, nicht das Drumrum, nicht das Krankenhaus. Sondern die Motivation, sich das alles regelmäßig „anzutun“: Vorsorgeuntersuchungen, Kontrollen, Arzttermine, Infusionen, Medikamente … für den Rest des crohnischen Lebens?
Man kann es auch als Jammern auf hohem Niveau bezeichnen. Schlussendlich ist mein Crohn offiziell in Remission. Zwar nur dank der täglichen Tabletten, der sechswöchigen Infusionen und der ganzen Disziplin, was Essen, Leben, Dasein betrifft. Aber er gibt immerhin weitgehend Ruhe.

Man sagt Erfolg bedeutet, einmal mehr aufzustehen, als man hinfällt.
Im Crohnfall kommt noch hinzu, dass man aufsteht, obwohl man weiß, dass man wieder hinfallen wird. Dass man immer wieder zu Untersuchungen antreten muss. Dass man mit Schüben rechnen muss. Meist dann, wenn man am wenigsten damit rechnet. Dass man sich immer wieder, oft täglich daran erinnern muss, dass man seine Mediks nimmt und seine Termine rund um die Untersuchungen und Infusionen plant. Dass man mit dem verdammten Mistkerl bis ans Ende seiner Tage zusammen ist, ohne Aussicht auf Scheidung.

Zusammengefasst: Dass man sich immer wieder, fallweise mehrmals täglich, wie Münchhausen selbst an den Haaren aus einem individuellen Crohn-Sumpf herausziehen muss, damit man nicht in der Trauer ertrinkt und an den sinnlosen Fragen nach dem „Warum?“ erstickt.

Man sollte glaube, dass ich nach ungezählten, gefühlt 100 Koloskopien mittlerweile ein stimmiges Prozedere gefunden habe, das mich vor dieser Post-Kolo-Depri bewahrt.
Die Wahrheit ist: Das einzige, was mir hilft, ist es zuzulassen. Wenn die traurigen Gestalten aus der Kellerlade an die Türe klopfen, mache ich ihnen weit auf und schick sie gleich weiter auf die Couch. Da sitzen wir dann, heulen mitsammen, rotzen eine Packung Taschentücher voll und ackern das Feld, namens Selbstmitleid, gründlich um.

Wer es noch nicht weiß: Wer weint, der produziert ein Hormon, dass dem Morphium ähnlich ist. Vollkommen natürlich und sehr hilfreich, denn mit den Tränen legt sich ein sanfter Beruhigungsschleier um die wunden Seelenlöcher, die innere Spannung wird abgebaut, man kotzt sich quasi das Leid aus den Augen und damit von der Seele. Was auch dem Bauch gut tut.
Meine Patentante meinte auch, wer heult, muss weniger oft pinkeln. Keine Ahnung ob das wirklich so ist.

Ist der erste Tränenfluss versiegt, melden sich die höheren Emotionen: Wut klopft an.
Was immer besser ist als Trauer und Ohnmacht. Wut schmeisst den Rest der traurigen Gestalten bei der Tür hinaus, lüftet das Wohnzimmer und klopft die Polster auf der Couch energisch durch.
Wut beginnt grummelnd und meckernd die Krankenhaustasche auszuräumen, verstaut das Zeug, motzt kräftig rum und verbreitet zwar keine guten, aber doch bessere Vibrations als die anderen Kellergäste.
Irgendwann verraucht sie dann. Die Bude ist aufgeräumt und nun wird es Zeit, den Mut und die Zuversicht hervorzulocken. Die sind sehr sensibel und haben einen empfindlichen Magen. Das haben sie mit mir gemein, darum weiß ich auch, was und wie ich sie locken kann, damit sie zur Unterstützung antreten.
Das ist bei jedem anders und das muss auch jeder selbst für sich herausfinden. Mir hilft ein Besuch bei meiner Friseurin, ein paar Stündchen an der Nähmaschine, um irgendwas Verrücktes zu basteln, eine Packung Maischips oder Popcorn und ein Abend im Kino, mit einem schrägen Science-Fiction oder Fantasy-Film. Entweder alleine oder in heiterer Gesellschaft der Marke „Lass uns über was anderes reden oder zumindest blöd lästern, lachen, doof sein„. Alternativ wird ein Film am PC gestreamt, auf besagter Couch, die damit zu einem Kreuzfahrtschiff durch alle Lebensemotionsozeane wird.

Danach ist die Kellerlade wieder geschlossen und dicht, die dunklen Gestalten haben sich auf Ameisengröße zurückgezogen und werden im Garten ausgesetzt. Das Drama namens „Ich hatte eine Koloskopie und dabei den Sinn verloren“ ist beendet. Der Vorhang fällt, alles ist wieder da, wo es hingehört und ich habe im besten Fall meine Mitte wieder gefunden.

Bis zum nächsten Mal.

Das Gute und zugleich Schlechte daran: Ich weiß, was dann wieder auf mich zukommt. Und wenn ich besonders schlau wäre, würde ich mir schon im vorhinein einen Danach-Termin bei meiner Physiotherapie-Friseurin vereinbare, mir Maischips und weiche Taschentücher auf Lager legen und grübeln, welchen Film ich diesmal nehme. Aber da das alles ja erst wieder in zwei Jahren Thema sein sollte, versickert die Erkenntnis im Lauf der Zeit und taucht pünktlich wieder auf, sobald die Schlafspritze nachlässt und ich daheim bin.

Dann beginnt alles von vorne.
Keine Pointe.

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