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Cartoons, Kranke Geschichten - Strange Stories

Schräge G´schichten: Der traurige Haken

Die fünfte schräge G´schicht in der Kategorie … aber das ist eine andere Geschichte, inkl. zweier dazugehöriger Zeichnungen für die#30SkizzenimNovember, die Zeichenaktion der Freiraumfrau. Und es ist eine philisophische Geschichte rund um sich auf seltsame Weise offenbarende Erkenntnisse.
Alle Skizzen findet ihr auch auf Instagram, Facebook oder Twitter unter dem Hashtag #30SkizzenimNovember, meiner ist zusätzlich #schrägeGschichten.

30 Skizzen = 10 schräge Geschichten – Nr. 5:

Der traurige Haken

Das Leben ist manchmal ungerecht und Monsieur Karma kann sich fallweise als echte Bitch erweisen. Nicht nur bei Menschen, Tieren oder Pflanzen. Auch für Dinge gibt es Schicksale, die man nur als traurig bezeichnen kann. Ob die Dinge das auch so sehen, ist eine andere Sache.

Bei dem kleinen Haken am WC sieht es jedenfalls so aus, als hätte er ein sehr trauriges Los im Lebenstopf gezogen. Ich sehe in täglich mehrmals, aus crohnischen Gründen. Denn Handyempfang und Wlan sind am Krankenhausklo mager bis gering. Abgesehen davon soll man sich ja hier aufs Wesentliche konzentrieren, unhygienisch ist es auch usw. usf.

Also schweift der Blick umher und wenn man dank lieben Herrn Crohn viel Zeit an solchen Orten verbringt, registriert Frau auch die kleinen Dinge. Wie eben den grauen, ehemals silbrigen Haken, der rechts von der Klomuschel und in seltsamer Höhe montiert ist. Nicht oben an der Wand, damit man Bademantel oder Tasche aufhängen kann. Nicht in Waschbeckenhöhe, für allfällige Toilettebeutel. Nein, er hängt ca. einen halben Meter vom Boden entfernt optisch sinnlos rum.

Tagein, tagaus, bei jedem Klobesuch grübel ich, was er für einen Sinn im Dasein hat. Und verfluche zugleich den, der ihn montiert hat, denn mein pedantisches Monkauge kreischt jedesmal auf: die Fliesenfuge ist nicht mittig. Bzw. der Haken ist nicht mittig auf ihr montiert.
Das. geht. gar. nicht.
Entweder mittig in die Fuge oder mittig in die Fliese oder zumindest in einem gefälligen Abstand zur Fuge, idealerweise im goldenen Schnitt.
Aber verdammt nochmal doch nicht einfach so! Es tut weh, es verursacht mir Stress, mehr als man an diesem Ort haben sollte. Aber es passt auch zum Rest der hakenden Erscheinung.

Er wurde sichtlich schon lange nicht genutzt. Vielleicht weil keiner eine Ahnung hat, wofür er gedacht ist. Die obere Schraube wirkt wie ein Zyklopenauge, dass schon viel zu viel gesehen hat. Was auf Krankenhaustoiletten schnell passiert. Die untere Schraube sieht aus wie ein verschlossener Mund, einsilbig, resigniert, mit müde hängenden Mundwinkeln.

Ich habe ihn zuerst für eine Einzelerscheinung gehalten. Im Sinne von: „Da war noch ein Haken über, Chef, ich hab ihn einfach irgendwo montiert.“ – „Passt, alles klar. Nun hängen Sie noch die Klopapierrollen verkehrt auf und Feierabend.
Aber der traurige Haken hat Kollegen in den anderen Toiletten. Neben jeder einzelnen Stationsmuschel ist ein trauriger, mattsilbriger Haken montiert und alle blicken resigniert, als hätten sie mit ihrem Hakendasein abgeschlossen. Es muss also einen Sinn geben für diese Metalloktopusse, die mit zwei wartenden Armen auf etwas Unbekanntes warten, um es sicher zu halten.

Das Rätsel um den Sinn dieses Hakens beschäftigt mich – ich habe allerdings auch nicht viel anderes zu tun hier. Lesen, Videos schauen, Untersuchungen absolvieren, Infusionen inhalieren, aufs nächste Essen (und eine entsprechende Verbesserung desselben) warten … und über den traurigen Haken am Klo nachdenken.
Die großen Rätsel der Menschheit sind im Krankenhaus weit weg. Brainfog und Fatigue sorgen dafür, dass man sich mit tieferer Philosophie in kleinem Ausmaß beschäftig und trostlose Haken bieten ausreichend Raum dazu.

Des Rätsels Lösung, der Sinn der Hakenexistenz erhellt sich mir ein paar Tage später per Zufall und wie so oft liegt die Antwort näher, als man denkt.

So gnä Frau, jetza gemma aufs Klo. Bring Sie gleich rüber, den Katheterbeutel nemma mit, ja klar. Schaugns, da simma schon, gleich sitz ma am Thron – Ha Ha – und daaaaa häng ma das Sackerl auf. Wenns fertig sind läutens bidde!

Ich stehe im Gang, am Weg zu meinem Thron und werde unfreiwillig Ohrenzeugin dieses Dialogs.

Man sagt, dass die Erleuchtung oft wie ein Sonnenaufgang über einen kommt. Manche erleben diesen Moment in einer Art mentalem Cinemascope, mit konzertanter Musik. Ein Vorhang hebt sich, Wolken lösen sich auch, die Nebel des Geistes lichten sich und man sieht die Lösung, erkennt die Antwort, versteht das Unverständliche, ist dem ultimativen Wissen einen Schritt näher. Ohm.

Ich steh einfach nur mitten am Gang, eingefroren in der Bewegung, und blicke blicklos eine mausbeige Wand an, während in meinem Inneren der Groschen fällt und das auch noch hämisch kichernd. Die Reinigungskraft winnert den Boden um mich herum und wundert sich nicht über die Statue im Weg – solche katatonische Erkenntisstarren dürften hier öfter passieren.

Haken 2 - Schräge G´schichten: Der traurige Haken

Klar, ganz klar – der Haken hält den Katheterbeutel für die, die den Rest des Stoffwechsels am Locus erledigen wollen und können. Er ist der Pissbeutelhalter. Darum die Höhe, darum der Eindruck, dass der Haken kaum bis nie genutzt wird. Darum der frustrierte, traurig-resignierte Gesichtsausdruck mit dem unsichtbaren Motto, dass sowieso schon alles egal ist, man nicht tiefer sinken kann.

Weil der kleine trostlose Haken sich in seinen Nicht-Mal-Scheiß-Job drein gefunden hat.
Aber immerhin hat er für manche eine tragende Funktion inne.

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Schräge G´schichten: Der herrliche Einhornschwamm

Die vierte schräge G´schicht in der Kategorie „… aber das ist eine andere Geschichteist ein wenig, nun ja, schlüpfrig. Was normal ist, denn sie spielt in der Dusche. Mit dabei die beiden Skizzen 10 und 11, was in Summe nun schon 12 Skizzen für die#30SkizzenimNovember sind, die Zeichenaktion der Freiraumfrau .
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30 Skizzen = 10 schräge Geschichten – Nr. 4:

Der herrliche Einhornschwamm

Badezimmer im Spital – ein bittersüßes Drama, mal Komödie, mal Tragödie. Ich vergleiche das temporäre „Wohnen“ in Krankenhaus gern mit einem Campingurlaub. Es ist alles ein bisserl provisorisch, eher unbequem und man muss es mit anderen teilen. Zumindest wenn man auf Kasse logiert.

Wichtig ist unter anderem auch die Wahl des passenden Zeitpunkts für die Körperreinigung und der dazugehörigen Location. Dafür braucht es Taktik, abgestimmt auf den Reinigungsplan der Station, den internen Ablauf und das, für diesen Tag geplante, eigene Untersuchungsprogramm. Sonst steht man üppig eingeschäumt in der Dusche wenn die Visite anklopft oder der Pfleger einen für die Untersuchung holt. Beides erlebt, das kann nix und kaum wer ist dann bereit einem den Rücken einzuschmieren, damit es schneller geht.
Ein passendes Zeitfenster zu finden ist also nicht einfach, schließlich will man (=ich) ja zudem dann ins Bad, wenn die nächtlichen Katastrophen entfernt sind und die tagsüber eintretenden noch schlafen. Ein Wunsch, den alle teilen, die nicht auf Fremdhilfe bei der Morgentoilette angewiesen sind.

So steh ich nun da, meinen Waschbeutel in der einen, das dicke, flauschige Handtuch in der anderen Hand und überlege, welche Dusche ich ansteuern soll. Die Visite ist noch gut eine Stunde entfernt, das Frühstück ist für mich heute nicht wichtig – ich muss für eine Untersuchung nüchtern sein. Einzig das Eintreffen des mich abholenden Pflegers ist ein Risikofaktor, weil unkalkulierbar. Aber ich gehe davon aus, dass mein Platz in der Koloskopiereihenfolge nicht der erste sein wird und nach einer entsprechend intensiven Vorbereitung für das darmspiegelnde Ereignis ist es nun Zeit, sich das Elend der Nacht aus dem Geist und vom Körper zu spülen, damit zumindest der erste kehrseitige Eindruck ein positiver ist.

Aber meine bevorzugte Dusche ist besetzt.
Was eine Katastrophe und Sauerei zugleich ist.
Mein Zeitbudget ist labil und selbst wenn die duschende Lady da drin in nullkommanix fertig sein sollte: ich mag dann da nicht gleich rein. Das ist … zu intim. Und dampfig. Und es riecht nach Unmengen von ungewohntem Deo, Duschzeug und Dings. Und es gibt kein Fenster zum Lüften. Und überhaupt: Nein.

Die nächste Damendusche ist nur ein paar Schritte entfernt, aber sinnlos. Da hat dieser Tage jemand den Duschkopf abgeschraubt. Keiner weiß wer, keiner weiß warum, alle sind sauer, doch es nützt nix. Diese Dusche ist zwar sauber, leer und trocken. Doch zugleich unverwendbar.

Badeschamm 2 - Schräge G´schichten: Der herrliche Einhornschwamm

Mit meinem Toilettebeutelchen in der Hand stehe ich unschlüssig vor der Tür, die für den unweiblichen Teil der Menschheit vorgesehen ist, der ja auch duschen will und soll.
Aus Gründen, über die ich (und man) nicht lange nachdenken mag, sind die männliche Spitalsduschen hier meist blitzsauber, weil selten verwendet, oder komplett versifft und unter Quarantäne. Das klingt nach Geschlechtervorurteil, liegt aber darin begründet, dass meist weniger Männer als Frauen auf dieser internen Station liegen, und wenn, dann sind sie zum Ausnüchtern da oder haben diverse heftige Inkontinenzprobleme. Da es gleich viele männliche wie weibliche Duschen gibt, ist die Chance, als Mann eine freie zu finden, höher.

Die Herren im Zimmer nahe dieser Dusche schlafen noch. Was kein Wunder ist, sie haben die Station die halbe Nacht mit abwechselndem Schreien wach gehalten. Es ist kein Pappschild an der Tür, das auf eine Dusch-Sperre hindeuten würde, und es ist auch niemand drin.
Es ist meine Chance, den Zeitplan einzuhalten.

Ich bin bei solchen Dingen nicht schüchtern. Wenn Not bei der Frau ist, dann besetze ich auch ohne langes Nachdenken das Männerklo. Schließlich sind wir ja alle irgendwie gleich, vor allem beim Stoffwechsel.
Nun denn, rein in die herr-liche Dusche (Füße hoch, der Witz kommt flach). Nach einem schnellen Rundumblick schlüpf ich durch die Tür, verriegle sie und freu mich: Sie ist sauber, als wäre sie gerade erst gefliest worden.
Einziger Hinweis darauf, dass sie bereits zielführend verwendet wurde: In der Dusche hängt ein Badeschwamm.
Was heißt „ein“ – es ist DER ultimative Badeschwamm! In kreischpink, aus Tüll ähnlichem Material, an einer zarten Kordel aufgehängt und ich schwöre: ich kann sehen, dass im Inneren Einhornglitzer nur darauf wartet, sich über einen einzuschäumenden Körper zu verteilen.
Ein Badeschamm wie aus einem Barbiemärchen.
In der Männerdusche.

Ich atme erleichtert auf und interpretiere die pinke Präsenz als Zeichen, dass auch schon eine andere Frau hier geduscht hat. Und sich dazu den Badeschwamm ihrer lieber mit Matchboxautos spielenden Tochter geliehen hat. Oder es war eine Werbebeigabe. Oder … keine Ahnung.
Es ist ein pinker Badeschamm, das ist die Männerdusche, ich bin eine Frau und es könnte sein, dass wir beide füreinander bestimmt sind.
Oder besser wären: denn so verführerisch er auch da hängt – ich lass ihn wo er ist.
Es ist ein ungeschriebenes Gesetz: Badeschwämme sind monogam. Sie beginnen ihre Beziehung jungfräulich und bleiben ihrem Duschpartner treu bis ans Lebensende.
Da wird nicht geswitcht, geteilt oder geborgt.
Auch wenn er noch so punkig pink leuchtet und verführerisch einsam da hängt.

Abgesehen davon: ich hab nur Seife da, kein nach Kaugummi duftendes Duschschaumzeug. Ich bin am Ökotrip, mein aktuelles Duschding ist eine vollbiogische, schlichte Olivenölseife. Schon rein optisch ist da an keine mögliche Verbindung zwischen ihr und dem pinken Bademonster anzudenken. Sie würde aus Prinzip das Schäumen verweigern, das ist unter ihrer Würde. Leider.

Also machen wir, die Seife und ich, einen Bogen um den Schwamm bzw. halte ich Abstand. Körperlich.
Denn – Gedankenfreiheit, Baby! – mein Kopf hat nun denkfrei und findet sogleich eine passende Geschichte, bei deren Erinnerung ich grinsen muss. Der restliche Körper ist im automatischen Duschmodus.
Die Geschichte habe ich irgendwann mal auf englisch im Netz gefunden. Wenn sie nicht wahr ist, ist sie zumindest gut erfunden:

Eine Mutter hat mal wieder die jährliche Gyn-Kontrolle am Programm. Sie kommt diesen Kontrollen brav nach, der Termin für die nächste wird immer gleich ausgemacht, bei ihrem langjährigen Gynäkologen. Der aktuelle Termin fällt auf einen hektischen Tag. Keine Ahnung mehr was und wie alles passierte, aber es ging sich einfach keine Dusche mehr aus vor dem Gyn-Termin. Eine schnelle Katzenwäsche musste reichen.

Also ab ins Bad und hier passiert der Fehler: weil es schnell gehen muss, schnappt sie sich den Badeschwamm ihrer jüngsten Tochter. Alles sauber, alles gut, ab zum Arzt.

Bei der Untersuchung das übliche Prozedere – Augen zu, einatmen, ausatmen, in Gedanken das Thanksgiving-Dinner planen. Der Doktor tut, was er immer tut. Lediglich zu Beginn stutzt er und meint dann lächelnd: „Da hat sich aber heute wer Mühe gegeben.“
Die Frau hat keine Ahnung was er meint, murmelt etwas und konzentriert sich wieder auf die mögliche Truthahnfüllung.

Wieder daheim räumt sie flott das Bad auf, der töchterliche Schwamm wandert in die Waschmaschine und sie beginnt sich ums Dinner zu kümmern. Kurz darauf kommen die Kinder heim, werden zum Händewaschen nach oben geschickt.

„Mama?! Wo ist denn mein Schwamm?!!“ – „Liebes, der ist grad in der Wäsche, muss auch mal sein, nimm einen anderen.“ Gepolter, das Kind rennt die Stiege runter, steht mit entsetzten Augen in der Küche und sagt „Aber da hab ich doch heut morgen meinen ganzen Einhornglitter und Feenstaub hinein getan …!“

Ja, so kanns gehen, wenn man das ungeschriebene Gesetz der Badeschwammmonogamie missachtet. Ich kichere bei der Erinnerung wie ein listiger Idiot. Automatisch scannt mein Blick den Boden und die Umgebung, auf der Suche nach möglichem Einhorn- oder Feenstaub.
Nichts zu finden.

Mein Duschvorgang ist schnell vorbei. Eincremen, Haare ins Handtuch gewickelt, schnell in die frische Kleidung – das unsäglich hässliche Spitalshemd und mein maigrüner Bademantel – alles zusammenpacken und raus hier. Als ich die Tür öffne, steht ein junger Mann mit erhobener Hand vor mir – er wollte eben anklopfen.
Unsere Blicke treffen sich, Erkenntnis und Absolution treffen sich (Frau, Männerdusche, aha, egal, alles ok) und er sagt: „…‘tschuldign, meine Frau holt mich schon ab und ich hab hier irgendwo meinen Duschschwamm vergessen.

Ich starre ihn an, sprachlos, trete zur Seite, so dass er die Dusche sieht, wo der barbiepinke Schwamm unschuldig hängt.
Er sieht ihn und ein Leuchten erscheint auf seinem Gesicht. Die Sonne geht auf, Sphärenklänge erklingen, der Boden bebt, eine Horde Einhörner wiehert in der Ferne …
„Da ist er ja! Was hab ich den gesucht. Hätte mich sehr geärgert, wenn ich den verloren hätte.“
Mit einem glücklichen Seufzen ergreift er sein verlorenes Schwämmchen, winkt mir grüßend zu und geht zu seiner wartenden Frau.
Ein Topf, der seinen Deckel gefunden hat.

Ich stehe verdattert da und schäme mich. Bin in die Genderfalle getappt, wie ein Anfänger. Habe auf Grund einer Farbe auf die Zugehörigkeit geschlossen. Depp ich.

Langsam drehe ich mich um und werfe einen letzen Blick auf die nun sehr leer und trostlos wirkende Dusche. Vielleicht täusche ich mich ja und es ist Wunschdenken, aber ohne Brille sieht es so aus, als würde da, wo der pinke Schwamm hing, etwas glitzern.
Egal.
Not my circus, not my Glitzer.
Ich muss weiter, zu meinem Date mit Schläuchen. Ohne pink und ganz sicher ohne Feenstaub. Aber dafür mit einer Schlafspritze, die mir in die Regionen verhilft, wo ich die Horde Einhörner wiedersehe.

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Schräge G´schichten: Das mürbe Kipferl der Auferstehung

Die dritte schräge G´schicht in der Kategorie „… aber das ist eine andere Geschichteund zugleich die Skizzen 7-9 für die#30SkizzenimNovember, einer Zeichenaktion der Freiraumfrau . Ich weiß, ich bin einen Tag zu spät mit dieser geschriebenen „Skizze“. Aber besser spät als gar nicht 😉
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30 Skizzen = 10 schräge Geschichten – Nr. 3:

Das mürbe Kipferl der Auferstehung

Sie liegt in ihrem Bett, so gut wie bewegungslos. Mehrmals am Tag kommen die Schwestern, um sie zu „mobilisieren“. Dann wird sie in eine andere Liegelage gebracht, das Kopfende höher oder tiefer gestellt und an ganz besonders guten Tagen setzt man sie schon mal in den Stuhl, damit sie die Lage der Welt aus halbwegs aufrechter Position wahrnehmen könnte. Ob sie es tut, weiß keiner.
Jede Nacht sägt sie halb Canada um, mit schwerem Gerät – zumindest klingt es so.
Tagsüber und zwischen den Schnarchattacken wird ihre Matraze unregelmäßig und halbrhythmisch bepumpt, damit sie es halbwegs bequem hat. Tagsüber ist das ein leidlich angenehmes Geräusch, das sanft einschläfernd wirkt. Nachts nervt es tierisch.
Also mich, nicht sie.
Ich habe mein Bett einen Platz weiter und kenne nun die Schnarchlautgrenze meiner Ohrenstöpsel. Sie liegt neben mir.

Meine Gefühle ihr gegenüber sind tagsüber sanft, nächtens am Limit, in Summe herrscht bedauerndes Mitgefühl vor. Wir haben unterschiedliche Ziele. Meines heißt soweit fit zu werden, dass die neue Therapie beginnen kann und ich hier bald rauskomme.
Ihres geht in die andere Richtung.

Hin und wieder spricht sie. Nicht mit mir und wenn, dann sieht sie wen anderen in mir. Auch ihre Besucher nehmen andere Gestalten in ihrer Sicht ein. Das macht das Kommunizieren schwierig und gibt ungewollt tiefere Einblicke in ihr Leben und Leiden, als es mir, einer quasi Außenstehenden, zustehen würde zu wissen.
Aber wir sind hier im Krankenhaus, da herrschen andere gesellschaftliche Normen und die erste Regel des Fight Club: Was hier passiert, bleibt hier.

So liegen wir Tag für Tag, jede in ihrem Bett. Sie wird bewegt, ich kanns selber und nutze das, um tagsüber mein Gesichtsfeld zu wechseln und mir in besonders intensiven Holzfällernächten eine ruhige Bleibe im großen Krankenhaus zu suchen. Die Onkologieambulanz ist mein Geheimtipp. Da gibt es leidlich bequeme Sitzbänke, kein Mensch weit und breit und das Licht ist nicht zu grell. Mit meinem Polster unterm Arm finde ich hier 2-3 Stunden Ruhe. Die Nachtschwestern verstehens und lassen mich ziehen, bedauernd, denn da, wo ich hingehe, ist es still und friedlich. Sie haben keine solche Nacht auf der 1. Internen.

Die tägliche Routine sieht vor, dass die Schwestern am Morgen denen, die nicht mehr gehfähig sind, das Frühstück ans Bett bringen. Ein kleiner Wagen mit allem, was man hier so kredenzt, wird hereingeschoben, die Bestell-Dialoge gleichen sich und sind die wenigen Gespräche, wo meine canadische Prinzessin, wie ich sie für mich nenne, wirklich voll und ganz da ist. Denn die Frage nach dem gewünschten Frühstücksgebäck wird ohne zögern beantwortet.
Das Teil wird geschnitten, bebuttert, mal mit, mal ohne Marmelade versehen. Der milde Kaffee wird in ein Schnabelhäferl gefüllt und täglich gibt es den Versuch, sie alleine essen zu lassen. Was täglich dazu führt, dass sie eine Stunde später kalten Kaffee gefüttert bekommt.

Mein Frühstück hole ich mir selbst, aus dem Spezialeck, wo die glutenfreien, laktosefreien, geschmacksneutralen Seltsamkeiten aufbewahrt werden. Gebäck, dass den Namen nicht verdient und für das man drei Hände zum Essen braucht: eine, um das Teil zum Mund zu führen, und zwei, um sich die Ohren zuzuhalten, damit es beim Kauen nicht rausstaubt.
Immerhin gibt es genug Tee, womit man alles in die Richtung spült, aus der es crohnbedingt kurze Zeit später wieder weiterwandert.

Bei diesem morgendlichem Ritual schließen die Prinzessin und ich täglich stillschweigend Frieden für all das, was Nächtens passiert ist. Ich verzeihe ihr die Fällarbeiten, sie hat weiterhin keine Ahnung wer ich bin und hält mich für eine ihrer Töchter. Was an manchen Tagen nett ist.
Still und friedlich mümmeln wir aktiv (ich) und passiv (sie) an unserem Frühstück. Tagein, tagaus die gleiche Prozedur.

Bis zu dem Tag, wo der Supergau eintritt: Es wurden zuwenig Mürbteigkipferl geliefert. Dieses traditionelle Gebäck, das in deutschen Landen nur sehr unzulänglich übersetzt als „Hörnchen“ betitelt wird, ist der Anker, der die Langzeit-PatientInnen auf der Station ruhig hält und ihnen hilft, die Lage hier zu überstehen. Man hält viel aus, wenn man weiß, dass man am nächsten Tag sein resch-mürbes Kipferl kredenzt bekommt.

Doch an diesem schlimmen Tag gibt es zuwenig Durchhaltehörnchen und die Schwestern wissen es. Und sie wissen, dass es zu einer Revolte kommen kann, nein: WIRD! Ich bin mir sicher, sie haben einen roten Knopf in der Station, mit direkter Leitung zum nächsten Bäcker, der sofort den Ofen anschmeißt und mit herkulischer Anstrengung das Unmögliche zu vollbringen versucht: die fehlenden Kipferl in Rekordzeit zu produzieren, ehe Krücken, Rollatoren und Bettpfannen fliegen.

Ich wusste nichts von all dem. Mein bröseliges Frühstück liegt vor mir, eine traurige Reiswaffel, die sich am Ende ihres Seins deutlich mehr Freude verdient hatte, als ich bereit war zu geben.

Der Frühstückswagen wird sanft herangeschoben, die Schwestern betreten den Raum – anders als sonst, vorsichtig, die Lage mit jedem Schritt sondierend. Die Spannung ist spürbar: Alarmbereitschaft. Eine schlimme Botschaft musste zugestellt werden und die Botinnen wissen, dass sie mit Kollateralschäden rechnen müssen.
Gute Morgen Prinzessin! Wie geht´s uns denn heute, gut geschlafen? Na, heut schaun wir aber viel besser aus, so frisch und rosig …“ Der Singsang, die Worte, der Auftritt: alles strahlt Beruhigung, Harmonie, Sonnenschein aus. Falsch, ganz falsch. Denn damit werden lang nicht genutzte Synapsen geweckt, die misstrauisch schnüffelnd registrieren, dass Angst den Raum betreten hat, das etwas in der Luft liegt, das man versucht etwas zu verbergen.
Heut hamma besonders frische Semmerl bekommen oder wollens lieber mal einen Kornspitz? Mit Butter? Und Marmelade …?
Die Semmel in der Hand, das Brotmesser gezückt, der Kaffee (vom Geruch her heute vieeel besser – ein Friedensangebot?) ist eingeschenkt, die beiden Schwestern stehen erwartungsfroh am Bett der Prinzessin und schon bewegt sich die Messerhand zur Semmel …

„Kipferl. Ich will mein Kipferl. Wie immer.

Die Hölle friert zu, die Schwestern vibrieren … „Ja, also, … heut hamma leider zuwenige bekommen. Aber morgen wieder. Schauens, so eine schöne frische Semmel ..
Kipferl.“
„…. ja, aber …“
KIPFERL!
„… äh …“

Und nun passiert das Unglaubliche, nicht Vorstellbare: eine mumiengleiche Hand erhebt sich, greift den Haltegriff am „Galgen“, eine andere stützt sich auf der Matraze auf, der Kopf hebt sich, der ganze Oberkörper hebt sich – *die Prinzessin richtet sich auf.* Der Kopf ist hoch erhoben, der Blick klar, das Gesicht eisig, die Brauen gerunzelt und der folgende Schrei erschüttert die Station bis ins Mark:

„K.I.P.F.EEEEEEEEEE.R.L!!!“

Kipferl 2 - Schräge G´schichten: Das mürbe Kipferl der Auferstehung

Die Schwestern flüchten in verschiedene Richtungen, eine andere betritt den Raum, versucht die Lage zu deeskalieren, der Notfallplan wird aktiviert – im Geist sehe ich ein rotes Licht in der Backstube leuchten.
Man würde sofort auf den anderen Stationen anrufen, ob die noch Kipferl hätten und bitte, nicht aufregen, man tue alles, damit man das Mürbgebäck auftreibt. Eine Schwester ist schon am Weg zur nahen Bäckerei. Eine andere hängt am Telefon, die dritte ist auf Verdacht in die Nachbarstation eingedrungen, um dort mal schnell eines „zu borgen“ …

Die Prinzessin ist wach, voll da, die eine Hand am Galgen, die andere stützt den mageren Körper, der Blick geht zwischen der Beruhigungsschwester und der Tür hin und her und es ist klar: wenn das versprochene Kipferl nicht in den nächsten Minuten durch die Tür kommt, wird sie aufstehen und dafür sorgen, dass viele Menschen diesen Tag in schlechter Erinnerung behalten werden. Es wird Krieg geben, die Apokalypse wiehert in den Startlöchern. Ich höre den Wind am Fenster rütteln, verfluche meine Entscheidung das Bett beim Fenster zu nehmen, denn damit bin ich weit weg von der Tür, kein Fluchtweg.
Verdammt, auch durchs Fenster keine Chance. Denn ein Sprung aus dem der dritten Stock würde nur in die Notaufnahme führen, was angesichts der Lage nicht sicher oder weit weg genug von hier wäre.
Ich mache mich klein, verkriech mich in meinem Eck, unter der Decke, werde soweit als möglich unsichtbar. Meine Reiswaffel zittert, will mit mir fliehen und wir klammern uns händeringend (also ich sie würgend) aneinander.

Schon sehe ich, wie sich die Hand der Prinzessin löst um die Bettdecke zurückzuschlagen. Die Füße erinnern sich an vor langer Zeit geführte Schlachten und zucken, um sich dieser neuen Herausforderung zu stellen, wollen aufstehen … die Schwester hat sichtlich Angst, die Hände sind erhoben, beschwichtigend nach vorne gestreckt: „Alles gut, ich bin sicher, wir haben gleich ein wunderschönes Kipferl für Sie. Bitte regen Sie sich nicht auf, wir sind wirklich bemüht, alle tun ihr Bestes. Bleiben Sie bitte liegen …
Ich kann ihre Angst hören, man riecht es, auch die Prinzessin spürt es und weiß, das sind nur Beruhigungsfloskeln. Der Blick wird hart, die Hand entschlossen und ich spüre, wie ein Wimmern in meiner Kehle hochsteigt.

In diesem Moment stürzt die kleine rothaarige Praktikantin herein, vollkommen aufgelöst, eine Winterjacke über der Uniform, die Haare stehen wirr in alle Richtungen, aber in der Hand – IN IHRER HOCH ERHOBENEN HAND! – hat sie ein Kipferl. Ein wunderschönes, frisches, goldbraunes Mürbteigkipferl.

Auf-der-drüberen-Station-hams-no-eins-ghabt-i-bin-so-schnell-wie-möglich ...“ weiter kommt sie nicht. Das Kipferl wird ihr aus der Hand gerissen, plötzlich sind drei Leute auf einmal da, zusätzlich ein großer, starker Pfleger (von der Männerabteilung ausgeborgt, für schwere Fälle). Es wird geschnitten, geschmiert und in Null-Komma-Nix liegt das bebutterte, mit Marmelade versehene Kipferl auf einer rosa Serviette bereit. Die Prinzessin hat ihre Position nicht verändert, der stählerne Blick beobachtet die hektische Aktion. Gnadenlos.

Erst als die netteste und jüngste Schwester sich ihr zitternd mit dem Teller nähert, entspannt sie sich ein bisschen. Den Teller nach vorn gestreckt, kommt die kleine Schwester näher und sagt sanft „Schauns, da ist es ja schon, ganz frisch, extra für Sie. Alles ist gut …„. Die Augen der Prinzessin senken sich, erblicken das Kipferl. Das Gesicht entspannt sich, der Rücken wird wieder rund, die Hand lässt los und in Zeitlupe versinkt die Apokalypse wieder in ihrer Lethargie.
Das Kipferl ist da.
Die Welt ist gerettet.
Zumindest für heute.

Ich wage mich unter meiner Decker heraus. Die Reiswaffel habe ich vor Anspannung zerbröselt.
Ich atme langsam aus, die restliche Station mit mir. Heute gibts nur Tee zum Frühstück und Brösel im Bett.
Das Kipferldrama ist vorbei.

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