... aber das ist eine andere Geschichte, Zeichnungen
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Schräge G´schichten: Der herrliche Einhornschwamm

Badeschwamm in Pink
Die vierte schräge G´schicht in der Kategorie „… aber das ist eine andere Geschichteist ein wenig, nun ja, schlüpfrig. Was normal ist, denn sie spielt in der Dusche. Mit dabei die beiden Skizzen 10 und 11, was in Summe nun schon 12 Skizzen für die#30SkizzenimNovember sind, die Zeichenaktion der Freiraumfrau .
Alles Skizzen, meine und die von anderen, findet ihr auch auf Instagram, Facebook oder Twitter unter dem Hashtag #30SkizzenimNovember folgen, meiner ist zusätzlich #schrägeGschichten.

30 Skizzen = 10 schräge Geschichten – Nr. 4:

Der herrliche Einhornschwamm

Badezimmer im Spital – ein bittersüßes Drama, mal Komödie, mal Tragödie. Ich vergleiche das temporäre „Wohnen“ in Krankenhaus gern mit einem Campingurlaub. Es ist alles ein bisserl provisorisch, eher unbequem und man muss es mit anderen teilen. Zumindest wenn man auf Kasse logiert.

Wichtig ist unter anderem auch die Wahl des passenden Zeitpunkts für die Körperreinigung und der dazugehörigen Location. Dafür braucht es Taktik, abgestimmt auf den Reinigungsplan der Station, den internen Ablauf und das, für diesen Tag geplante, eigene Untersuchungsprogramm. Sonst steht man üppig eingeschäumt in der Dusche wenn die Visite anklopft oder der Pfleger einen für die Untersuchung holt. Beides erlebt, das kann nix und kaum wer ist dann bereit einem den Rücken einzuschmieren, damit es schneller geht.
Ein passendes Zeitfenster zu finden ist also nicht einfach, schließlich will man (=ich) ja zudem dann ins Bad, wenn die nächtlichen Katastrophen entfernt sind und die tagsüber eintretenden noch schlafen. Ein Wunsch, den alle teilen, die nicht auf Fremdhilfe bei der Morgentoilette angewiesen sind.

So steh ich nun da, meinen Waschbeutel in der einen, das dicke, flauschige Handtuch in der anderen Hand und überlege, welche Dusche ich ansteuern soll. Die Visite ist noch gut eine Stunde entfernt, das Frühstück ist für mich heute nicht wichtig – ich muss für eine Untersuchung nüchtern sein. Einzig das Eintreffen des mich abholenden Pflegers ist ein Risikofaktor, weil unkalkulierbar. Aber ich gehe davon aus, dass mein Platz in der Koloskopiereihenfolge nicht der erste sein wird und nach einer entsprechend intensiven Vorbereitung für das darmspiegelnde Ereignis ist es nun Zeit, sich das Elend der Nacht aus dem Geist und vom Körper zu spülen, damit zumindest der erste kehrseitige Eindruck ein positiver ist.

Aber meine bevorzugte Dusche ist besetzt.
Was eine Katastrophe und Sauerei zugleich ist.
Mein Zeitbudget ist labil und selbst wenn die duschende Lady da drin in nullkommanix fertig sein sollte: ich mag dann da nicht gleich rein. Das ist … zu intim. Und dampfig. Und es riecht nach Unmengen von ungewohntem Deo, Duschzeug und Dings. Und es gibt kein Fenster zum Lüften. Und überhaupt: Nein.

Die nächste Damendusche ist nur ein paar Schritte entfernt, aber sinnlos. Da hat dieser Tage jemand den Duschkopf abgeschraubt. Keiner weiß wer, keiner weiß warum, alle sind sauer, doch es nützt nix. Diese Dusche ist zwar sauber, leer und trocken. Doch zugleich unverwendbar.

Männerdusche

Mit meinem Toilettebeutelchen in der Hand stehe ich unschlüssig vor der Tür, die für den unweiblichen Teil der Menschheit vorgesehen ist, der ja auch duschen will und soll.
Aus Gründen, über die ich (und man) nicht lange nachdenken mag, sind die männliche Spitalsduschen hier meist blitzsauber, weil selten verwendet, oder komplett versifft und unter Quarantäne. Das klingt nach Geschlechtervorurteil, liegt aber darin begründet, dass meist weniger Männer als Frauen auf dieser internen Station liegen, und wenn, dann sind sie zum Ausnüchtern da oder haben diverse heftige Inkontinenzprobleme. Da es gleich viele männliche wie weibliche Duschen gibt, ist die Chance, als Mann eine freie zu finden, höher.

Die Herren im Zimmer nahe dieser Dusche schlafen noch. Was kein Wunder ist, sie haben die Station die halbe Nacht mit abwechselndem Schreien wach gehalten. Es ist kein Pappschild an der Tür, das auf eine Dusch-Sperre hindeuten würde, und es ist auch niemand drin.
Es ist meine Chance, den Zeitplan einzuhalten.

Ich bin bei solchen Dingen nicht schüchtern. Wenn Not bei der Frau ist, dann besetze ich auch ohne langes Nachdenken das Männerklo. Schließlich sind wir ja alle irgendwie gleich, vor allem beim Stoffwechsel.
Nun denn, rein in die herr-liche Dusche (Füße hoch, der Witz kommt flach). Nach einem schnellen Rundumblick schlüpf ich durch die Tür, verriegle sie und freu mich: Sie ist sauber, als wäre sie gerade erst gefliest worden.
Einziger Hinweis darauf, dass sie bereits zielführend verwendet wurde: In der Dusche hängt ein Badeschwamm.
Was heißt „ein“ – es ist DER ultimative Badeschwamm! In kreischpink, aus Tüll ähnlichem Material, an einer zarten Kordel aufgehängt und ich schwöre: ich kann sehen, dass im Inneren Einhornglitzer nur darauf wartet, sich über einen einzuschäumenden Körper zu verteilen.
Ein Badeschamm wie aus einem Barbiemärchen.
In der Männerdusche.

Ich atme erleichtert auf und interpretiere die pinke Präsenz als Zeichen, dass auch schon eine andere Frau hier geduscht hat. Und sich dazu den Badeschwamm ihrer lieber mit Matchboxautos spielenden Tochter geliehen hat. Oder es war eine Werbebeigabe. Oder … keine Ahnung.
Es ist ein pinker Badeschamm, das ist die Männerdusche, ich bin eine Frau und es könnte sein, dass wir beide füreinander bestimmt sind.
Oder besser wären: denn so verführerisch er auch da hängt – ich lass ihn wo er ist.
Es ist ein ungeschriebenes Gesetz: Badeschwämme sind monogam. Sie beginnen ihre Beziehung jungfräulich und bleiben ihrem Duschpartner treu bis ans Lebensende.
Da wird nicht geswitcht, geteilt oder geborgt.
Auch wenn er noch so punkig pink leuchtet und verführerisch einsam da hängt.

Abgesehen davon: ich hab nur Seife da, kein nach Kaugummi duftendes Duschschaumzeug. Ich bin am Ökotrip, mein aktuelles Duschding ist eine vollbiogische, schlichte Olivenölseife. Schon rein optisch ist da an keine mögliche Verbindung zwischen ihr und dem pinken Bademonster anzudenken. Sie würde aus Prinzip das Schäumen verweigern, das ist unter ihrer Würde. Leider.

Also machen wir, die Seife und ich, einen Bogen um den Schwamm bzw. halte ich Abstand. Körperlich.
Denn – Gedankenfreiheit, Baby! – mein Kopf hat nun denkfrei und findet sogleich eine passende Geschichte, bei deren Erinnerung ich grinsen muss. Der restliche Körper ist im automatischen Duschmodus.
Die Geschichte habe ich irgendwann mal auf englisch im Netz gefunden. Wenn sie nicht wahr ist, ist sie zumindest gut erfunden:

Eine Mutter hat mal wieder die jährliche Gyn-Kontrolle am Programm. Sie kommt diesen Kontrollen brav nach, der Termin für die nächste wird immer gleich ausgemacht, bei ihrem langjährigen Gynäkologen. Der aktuelle Termin fällt auf einen hektischen Tag. Keine Ahnung mehr was und wie alles passierte, aber es ging sich einfach keine Dusche mehr aus vor dem Gyn-Termin. Eine schnelle Katzenwäsche musste reichen.

Also ab ins Bad und hier passiert der Fehler: weil es schnell gehen muss, schnappt sie sich den Badeschwamm ihrer jüngsten Tochter. Alles sauber, alles gut, ab zum Arzt.

Bei der Untersuchung das übliche Prozedere – Augen zu, einatmen, ausatmen, in Gedanken das Thanksgiving-Dinner planen. Der Doktor tut, was er immer tut. Lediglich zu Beginn stutzt er und meint dann lächelnd: „Da hat sich aber heute wer Mühe gegeben.“
Die Frau hat keine Ahnung was er meint, murmelt etwas und konzentriert sich wieder auf die mögliche Truthahnfüllung.

Wieder daheim räumt sie flott das Bad auf, der töchterliche Schwamm wandert in die Waschmaschine und sie beginnt sich ums Dinner zu kümmern. Kurz darauf kommen die Kinder heim, werden zum Händewaschen nach oben geschickt.

„Mama?! Wo ist denn mein Schwamm?!!“ – „Liebes, der ist grad in der Wäsche, muss auch mal sein, nimm einen anderen.“ Gepolter, das Kind rennt die Stiege runter, steht mit entsetzten Augen in der Küche und sagt „Aber da hab ich doch heut morgen meinen ganzen Einhornglitter und Feenstaub hinein getan …!“

Ja, so kanns gehen, wenn man das ungeschriebene Gesetz der Badeschwammmonogamie missachtet. Ich kichere bei der Erinnerung wie ein listiger Idiot. Automatisch scannt mein Blick den Boden und die Umgebung, auf der Suche nach möglichem Einhorn- oder Feenstaub.
Nichts zu finden.

Mein Duschvorgang ist schnell vorbei. Eincremen, Haare ins Handtuch gewickelt, schnell in die frische Kleidung – das unsäglich hässliche Spitalshemd und mein maigrüner Bademantel – alles zusammenpacken und raus hier. Als ich die Tür öffne, steht ein junger Mann mit erhobener Hand vor mir – er wollte eben anklopfen.
Unsere Blicke treffen sich, Erkenntnis und Absolution treffen sich (Frau, Männerdusche, aha, egal, alles ok) und er sagt: „…‘tschuldign, meine Frau holt mich schon ab und ich hab hier irgendwo meinen Duschschwamm vergessen.

Ich starre ihn an, sprachlos, trete zur Seite, so dass er die Dusche sieht, wo der barbiepinke Schwamm unschuldig hängt.
Er sieht ihn und ein Leuchten erscheint auf seinem Gesicht. Die Sonne geht auf, Sphärenklänge erklingen, der Boden bebt, eine Horde Einhörner wiehert in der Ferne …
„Da ist er ja! Was hab ich den gesucht. Hätte mich sehr geärgert, wenn ich den verloren hätte.“
Mit einem glücklichen Seufzen ergreift er sein verlorenes Schwämmchen, winkt mir grüßend zu und geht zu seiner wartenden Frau.
Ein Topf, der seinen Deckel gefunden hat.

Ich stehe verdattert da und schäme mich. Bin in die Genderfalle getappt, wie ein Anfänger. Habe auf Grund einer Farbe auf die Zugehörigkeit geschlossen. Depp ich.

Langsam drehe ich mich um und werfe einen letzen Blick auf die nun sehr leer und trostlos wirkende Dusche. Vielleicht täusche ich mich ja und es ist Wunschdenken, aber ohne Brille sieht es so aus, als würde da, wo der pinke Schwamm hing, etwas glitzern.
Egal.
Not my circus, not my Glitzer.
Ich muss weiter, zu meinem Date mit Schläuchen. Ohne pink und ganz sicher ohne Feenstaub. Aber dafür mit einer Schlafspritze, die mir in die Regionen verhilft, wo ich die Horde Einhörner wiedersehe.

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