Schlagwort: Schräge G´schichten

Cartoons, Kranke Geschichten - Strange Stories

Schräge G´schichten: Schatzimausi und der Schweinehund

Ich bemühe mich meine kleine, mehrtägige Verspätung aufzuholen und darum Voilá: Meine siebte schräge G´schicht in der Kategorie … aber das ist eine andere Geschichte ist fertig, inkl. zweier Zeichnungen für die Zeichen-Challenge #30SkizzenimNovember. Diesmal beginnt es dramatisch und endet bittersüß romantisch.

Alle Skizzen, von anderen und von mir, findet ihr auch auf Instagram, Facebook oder Twitter unter dem Hashtag #30SkizzenimNovember, meiner ist zusätzlich #schrägeGschichten.

30 Skizzen = 10 schräge Geschichten – Nr. 7:

Schatzimausi und der Schweinehund

Ich sitze auf meinem Bett, meine Mutter mir gegenüber. Zusammen starren wir den Krug an. Der tut so, als würde er uns nicht sehen. Das Zeug, das er in seinem Inneren hat, soll in meinen Magen. Damit man dann im Röntgen was sieht. Das Zeug ist aber eklig und das hoch drei. Megaobergrauseeklig. Als hätte man Schnecken verquirrelt, mit viel synthetischem Geschmacks-nicht-Optimierer versehen und mit Mineralwasser aufgegossen.
Eklig in Form, Farbe, Geruch und generell.

Aber es hilft nichts, das Zeug muss in meinen Darm und darum sitzen wir hier. Meine Mutter, die mich ins Krankenhaus gebracht hat, und ich.
Immerhin sitzen wir hübsch. Also vom Zimmer her. Es ist ein nobles Privatspital, das ich mir nie hätte leisten können. Doch meine Mutter wollte, dass ich zu diesem bestimmten Arzt gehe und der vollbringt eben nur in diesem bestimmten Hospital sein Werk, das mehr einem Hotel, denn einem kranken Haus ähnelt. Das sein Werk ein sehr bescheidenes sein würde, mit falschem Ergebnis, wissen meine Mutter und ich da noch nicht.

Also sitze wir hübsch in diesem Zweibettzimmer, mit nettem Ambiente und einer bis dato sehr schweigsamen Mitpatientin. Sie hat uns nur stumm begrüßt und wird aktuell von zwei fürsorglichen Schwestern betütelt. Die Gnädige-Frau-Quote ist hoch. Der Sinn ihrer Tätigkeit sollte vermutlich dem Ankleiden und der körperlichen Reinigung dienen, doch sie kommen nicht wirklich weiter, denn die gnädige Frau weigert sich sehr ungnädig, bei diesem Ballett mitzumachen. Sie blickt nur stumm und starr, mit bohrendem Blick, mal zur einen, dann zur anderen und sitzt mit ihrem zartgelben Nachthemd auf ihrem königlichen Bette.

Meinem Krug ist die Szene wurscht, er hat sich mir keinen Zentimeter genähert und so muss ich selbst seufzend zur Tat schreiten – das erste Glas des Schneckensmoothies wird eingeschenkt. Augen zu, Nase zu, meine Mutter nickt aufmunternd, ich würge das Gschloder todesmutig hinunter.

Anmerkung: Gschloder, das
Wienerisch für grausiges Gesöff, unansehnlich im Aussehen, eklig im Geschmack.

Die nächsten Minuten konzentriere ich mich mit aller Gewalt darauf, das Zeug da zu behalten, wo es hingehört. Dann folgen 5 Minuten durchatmen und dann gehts weiter zum nächsten Glas.
Würg.

Madame im anderen Bette hat die Szene rund um sich nach wie vor im Griff, was soviel bedeutet wie: Die armen Schwestern sind keinen Zentimeter weiter in ihren hehren Bemühungen.
In diesem Moment öffnet sich die Tür, ein kleiner, älterer, magerer Mann betritt den Raum, grüßt höflich in die Runde und dreht sich zu Madames Bette um.

Der Vorhang hebt sich, Madames Mimik belebt sich, Trommelwirbel, eine unsichtbare Kapelle spielt einen unhörbaren Tusch. Madame schärft den Blick, fokussiert den kleinen, netten Mann und brüllt mit Stentorstimme:

„ELENDER SCHWEINEHUND!“

Die Schwestern stehen wie Lots Säulen, die Szene gefriert, meine Mutter und ich sitzen mit offenem Mund und ebensolchen, riesengroßen Augen da. Keiner wagt zu atmen oder sich zu bewegen.

Madame richtet sich zu ihrer vollen Größe auf, soweit das sitzend möglich ist, und brüllt noch einmal, mit tiefem Drama in ihrer Stimme, so dass der Boden bebt:

ELENDER SCHWEINEHUND!
WARUM HAST DU MIR DAS ANGETAN!!!“

Aller Augen richten sich auf den kleinen Herrn, der die Hände ringt, dabei seinen Hut würgt, aber ansonsten erstaunlich unbeeindruckt von dieser Rede wirkt.
Aber Schatzimaus, sowas sagt man doch nicht, das gehört sich aber nicht, nein, Schatzimaus, das ist doch nur zu deinem Besten, gell, Schatzimaus, weil du bist ja so krank geworden, dass ich nimmer gewusst hab, was ich tun soll und die netten Schwestern und der liebe Herr Doktor Soundso hier werden dir nun helfen, damit du wieder gesund wirst und dann, Schatzimausi, dann kannst wieder heim und …

Ein schwarzer Blick aus dunklen Augen, die bei genauerer Betrachtung einen leichten roten Rand haben, der sich bei weiterer genauer Betrachtung konstant vergrößert, würgt die zarte Rede ab.

Schatzimausi anim1 - Schräge G´schichten: Schatzimausi und der Schweinehund

 

„Du Hund.“

Das Urteil ist gefällt, der kleine Mann muss es annehmen. Die Schwestern senken das Haupt, sind stumme Zeugen und würden am liebsten im Boden versinken. Das geht leider nicht, also versuchen sie nun weiter das zu tun, was sie die ganze Zeit tun wollten.

Meine Mutter und ich wechseln einen Blick, ich spüle schnell mein zweites Glas hinunter. Popcorn wäre fein, aber wir sind ja nicht im Kino. Nur im Vorstadttheater.

Der kleine Herr Schweinehund nähert sich unbeeindruckt dem Bett und säuselt weiter, in einem konstanten Tonfall, der seine Wirkung nur langsam entfaltet. Madame Schatzimausi ist voll auf ihn konzentriert, die Blicke müssen wie Dolche schmerzen. Aber Herr Schweinehund ist mutig und weicht nicht aus. Die Schwestern schaffen es endlich Madame, Bett und Kleidung so zu richten, wie sie es sich zu Beginn der Prozedur erhofft hatten. Herr Schweinehund spricht sanft weiter und versichert seinem Schatzimausi, dass alles nur zu ihrem Besten geschieht, sie bald wieder gesund sein werden, man ihr Medizin und gute Behandlung anteil werden lässt, sie in guten Händen ist …

ELENDER MÖRDER!

Das vernichtende Urteil hat Madames Mund donnernd verlassen, die Schwestern schnappen erschrocken nach Luft. Mir wäre fast mein drittes Schnecken-Glas aus den Händen gerutscht und ich gurgel es schnell nabelwärts, bevor es mir abhanden kommt.

Nein, mein Mausi, also was du sagst, nein, sowas aber auch, nein, nein, Schatzimausi, ich will dir nur helfen! Niemand tut dir was Böses ...“

Madame Schatzimaus schnaubt ungnädig, ihr Busen wogt, die Bettdecke vibriert und die Schwestern weichen drei Schritte zurück – sie wird sich doch wohl nicht erheben?

Schatzimaus, beruhig dich wieder, sonst musst wieder husten und dein Blutdruck steigt und das ist nicht gut und nein, du kannst nicht aufstehen, das geht doch nicht, dein Rollstuhl ist ja gar nicht im Zimmer, du musst nur ein bisserl Ruh geben, damit du bald wieder gesund bist, deine Medikamente nehmen …

Meine Mutter, die Schwestern und ich atmen kurz auf bei dem Wort „Rollstuhl„. Eine Gefahr weniger. Aber ich fürchte, Madame könnte uns eines Besseren belehren und sich dennoch von ihrem Throne erheben, um als rächende Göttin ihre Blitze und die sieben Plagen auf uns herab zu beschwören. Die Bettdecke zittert nach wie vor.

Ich bemühe mich schnell ein viertes Glas Moét de Schneck wegstecken, sicher ist sicher.

Madame Schatzimausi jedoch hat ihr vernichtendes Urteil verkündet, es steht felsenfest, in Stein gemeißelt. Ihr lieber Mann redet weiter auf sie ein, lässt seinen Singsang wirken. Madame könnte ihn mit einem sachten Wink ihrer Hand gegen Boden und in die Unfallaufnahme schicken. Er steht in ihrer Reichweite, aber ohne Angst, hält wacker die Stellung, unbeeindruckt von ihrer Wut, ihrer Verachtung, ihren tödlichen Blicken, dem Geschnaube und den nun nur noch leise und sehr giftig geäußerten Flüchen.

Das fünfte Glas aus dem Krug des Grauens ist geleert, ich haben fertig. Der Krug kam zu mir als Brunnen, er geht unge- und unerbrochen und ich hoffe, dass dieser Zustand noch eine Weile anhält, damit die Untersuchung störungsfrei ablaufen kann. Meine Mutter verstaut ihr, vor Aufregung, zerdrücktes Taschentuch in ihrer Handtasche, nickt mir aufmunternd zu und meint, dass wir nun zum zweiten Teil des Dramas weitergehen können. Ich deute auf das Nachbarbett, aber sie meint die Untersuchung.

Madame Schatzimausi hat sich soweit beruhigt, dass die Spannung im Zimmer fast wieder Normalniveau erreicht hat. Herr Schweinehund darf sogar ihre Hand halten und streicheln, während er, nun leiser und langsamer, weiter mit ihr spricht. Sie hat beschlossen ihn mit Schweigen zu bestrafen, ignoriert ihn, blickt an ihm vorbei zum Fenster. Die roten Augen haben sich wieder zurückentwickelt.

Meine Mutter und ich verlassen das Zimmer, ich muss zur Untersuchung. Der kleine Herr geht ebenfalls, er hat sein Schatzimausi in die Contenance geredet, so dass nun wieder Friede herrscht und sie sich (vorerst?) in ihr Schicksal zu fügen scheint.

Am Gang nickt er uns zu, seufzt kurz, wirft einen Blick zur Tür und sagt entschuldigend, leise und sehr liebevoll: „Sie war nicht immer so. Sie weiß gar nicht, was sie da sagt. Sie ist eine so wunderbare Frau. Das ist nicht ihre Art … das ist diese Krankheit. Sie ist ein herzensguter Mensch … kann keiner Fliege was zu Leide tun.“ Er lüftet grüßend den Hut und eilt weiter.

Ich schlurfe hinter meiner Mutter Richtung Aufzug und merke, wie sich das Vorstadtdrama in eine bittersüße Romanze verändert. Schatzimausi und ihr herzensguter Schweinehund – eine Beziehung, bei der einem die Worte „in guten, wie in schlechten Zeiten“ auf allen Ebenen bewusst werden. Und uns als demütige Zuschauer mit vielen Gedanken zurücklassen.

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Schräge G´schichten: Der rostige Heiligenschein

Ich hab Verspätung – meine sechste schräge G´schicht in der Kategorie … aber das ist eine andere Geschichte, inkl. dazugehöriger Zeichnungen für die#30SkizzenimNovember, kommt nach einer kurzen Pause. Aus persönlichen Gründen habe ich ein paar Tage ausgesetzt und mir Ruhe geschenkt, zum Durchatmen. Musste sein, das Leben hatte eine Kurve nach unten im Drehbuch stehen. Ich bin dennoch zuversichtlich, dass ich mein geplantes Ziel, nämlich bis Ende November 10 schräge G´schichten mit jeweils 2 Zeichnungen zu veröffentlichen, schaffen werden.

Hier also Nr. 6 und ich muss vorwarnen: die ersten fünf waren heiter bis wolkig, diese hier ist zartbitter bis edelherb. Leben eben. Und wie alle anderen Geschichten: NICHT frei erfunden, sondern so erlebt. Denn das Leben schreibt Geschichten ins Drehbuch, da muss die Fantasie nochmal die Schulbank drücken.

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30 Skizzen = 10 schräge Geschichten – Nr. 6:

Der rostige Heiligenschein

Mir ist übel. Nicht wegen der Schmerzen und Krämpfe im Bauch. Nicht wegen der Medikamente. Auch nicht wegen dem Essen, um das ich aktuell freiwillig und verordnet einen großen Bogen mache, weil mein Darm mir spontan die Mitarbeit aufgekündigt hat und in Stillstand getreten ist.
Mir ist übel vor mangelnder Sympathie. Besser: mir ist schlecht, weil ich zugeschwafelt werde und die Senderin der Botschaften nicht unbedingt auf Platz 1 meiner Sympathieliste rangiert.

Es gibt Liebe auf den ersten Blick. Oder zumindest Sympathie. Also das man sich sieht und denkt, ok, derdiedas ist nett und man könnte ein paar Worte oder mehr austauschen mitsammen.
Und dann gibt es das genaue Gegenteil davon und man hofft, dass der Moment der Begegnung schnell vorüber ist. In meinem akuten Fall stehen die Chancen dafür leider schlecht.

Die alte Dame, die in „mein“ Zimmer eingezogen ist, wäre rein optisch reizend. Putzig, gepflegt, korpulent bis üppig, mit den klassichen Alte-Dame-Wasserwellen am Kopf, die durch den Spitalsaufenthalt schon etwas derangiert sind. Arm ist sie auch, sehr arm. Weil leidend, sehr leidend. Die geplante Tumor-Punktion ist schief gegangen, der Darm wurde perforiert. Tragisch, so etwas kommt leider manchmal vor. Man bekommt es als mögliches Risiko zur Unterschrift vorgelegt und hofft, dass dieses Übel an einem vorübergeht. Bei der alten Dame ist es eingetreten und nun leiden wir. Sie, ich und der Rest der Station.

Sie muss ein paar Tage über die Sonde ernährt werden. Die Heilung schreitet gut voran, Schmerzen hat sie keine mehr, eine weitere Punktion wäre möglich, damit man endlich feststellt, was denn das für ein Tumor ist. Aber sie hat schon beschlossen „das“ nicht mehr machen zu lassen, denn sie wird nun sterben. Hat sie beschlossen.
Was sie mir unaufgefordert munter erzählt, inklusive ihrer Lebensgeschichte, ohne Punkt und Komma. „Stream of Consciousness“ nennt man das, wenn man so schreibt und es ist eine literarische Erzähltechnik. Spannend und leicht anstrengend zu lesen.
Unerträglich und mühsam aber, wenn man es um die Ohren gesagt bekommt und zu wenig Mut oder Kraft hat, um sich dagegen zu wehren.

Wobei nicht explizit die Lebensgeschichte mühsam ist oder das Drama der misslungenen OP. Es ist die alte Dame an sich. Ihr Leben war so toll und so schön, sagt sie, so voller Glück und schöner Momente und sie hat ja auch immer mit vielen wichtigen – nein: mit den HÖCHSTEN! – und besten Menschen zu tun gehabt, für diese arbeiten dürfen, hatte Kontakte in die HÖCHSTEN und besten Kreise und das war oberhammeraffengeil (mein Wort, nicht ihres. NIEMALS ihres.). Sie war so gesegnet, so glücklich, immer am guten Weg und darum geht sie nun gern ins Sterben, auch in den Tod, wenns sein muss..

Weil operieren lässt sie sich niemals nimmer nicht mehr. Sieht man ja, wohin das führt. Nur Qual und ihr Essen muss sie nun über den Schlauch konsumieren. ÜBER EINEN SCHLAUCH! Dass es sowas gibt! Das man das kann! Essen über die Infusion! Mit einer Maschine! Einen ganzen Beutel für zwei Tage! Und trinken darf sie nur ein paar Schlucke Wasser, für die Tabletten. Unglaublich. Und den ganzen Infusionsständer muss sie dauernd mitschleppen, wenn sie wohin geht. Sogar aufs Klo. Und in die Dusche.
Aber duschen kann sie ja nicht, denn das darf ja nicht nass werden. Was für ein Elend. Das ist gegen die Natur, so soll man nicht Essen müssen. Oder duschen. Also nicht-duschen.

Und ob ich weiß, wie man den Fernseher aufdreht. Weil nachmittags um 4 läuft ihre Lieblingsserie und am Abend die Nachrichten. Das wäre schön. Das würde sie gern sehen.

Heiligenschein 2 - Schräge G´schichten: Der rostige Heiligenschein

Ich bin platt, paralysiert und habe Ohrensausen. Das Wochenende habe ich – unfassbares Glück! – allein in diesem Zimmer verbracht. Die Geräusche des Krankenhauses gedämpft wahrgenommen, und in einem heilsamen Ruhezustand mit meinen Magenkoliken verhandeln können. Der Redeschwall, der seit dem Eintreffen der alten Dame über mich hereingebrochen ist, ist mir schlicht zu viel. Soviel Information auf einmal – ich bin noch dabei die erhaltenen Sätze von vor 5 Minuten zu verarbeiten und unterdrücke tapfer den Reflex, auf ihre flotten Aussagen betreff Sterben und aus-dem-Schlauchessen zu antworten … und werde in einem fort mit Worten weiter zugeschüttet. Langsam wird die Luft knapp. Meine Nerven wimmern panisch.

Ich will nicht reden, ich will Ruhe.  Mir tut einfach alles weh, der Bauch, die Muskeln, der Kopf … aber vor allem die Ohren, die langsam zu klingeln beginnen und das Alarmsignal der Überlastung weitergeben, weil zu viel und zu laut. Denn sie ist schwerhörig und trägt ihre Rede mit Amphietheaterstimme vor. Man kann sie auch im Nachbarzimmer noch gut hören.

Sie wurde übersiedelt, von einem 6er-Zimmer hierher, in „mein“ 2er-Zimmer. Aber glücklich ist sie nicht darüber, nein, ganz und gar nicht. Das Zimmer drüben war schön, groß, mit einem Fernseher. Aber es ging ihr nicht gut und darum hat sie die Serie nicht vermisst. Aber hier wäre das doch sicher möglich. Wo sie doch auch gegen ihren Willen hierher transferiert wurde, aus dem schönen Zimmer weg musste. Das war so toll dort, aber dann hat man ihnen die dicke Negerfrau hineingelegt. Wegen der musste sie raus aus dem Zimmer. Wegen der ist sie nun hier. Das ging einfach nicht mehr. Leider. Die dicke Negerfrau hat sie so gestört. Unglaublich war das mit der. Also weniger mit ihr, als mit ihrer Familie. Alle da. ALLE! Jeden Tag! Also die 2 Tage, seit sie eingeliefert wurde. Also seid gestern, um es genau zu sagen. Und auf die Frau eingeredet haben sie. ANDAUERND. Die ganze dunkle Familie. Einfach unglaublich. Dauernd hat wer geredet. Unerträglich war das. Da kam man ja selber kaum zu Wort.

Und was ist nun mit dem TV? Ob ich wüßte, wie man das einschaltet? Und ob ich was dagegen hätte, wenn sie ihre Serie sehen könnte, wo sie schon mal da ist und da wenigstens ein TV ist, in diesem Zimmer.

Mein inneres Helfer-Ich war mental schon am halben Weg zur Fernbedienung. Beim Wort „Negerfrau“ ist es stehen geblieben, hat umgedreht und schaut nun beim Fenster hinaus.
Da ist eine verzweifelte Wespe, die flüchten will.
Ich kann sie verstehen.
Während mein Helfer-Ich mein Ich-Ich motiviert aufzustehen, um die Wespe beim Fenster rauszulassen – „Erschlagens das grausliche Viech, dann hamma Ruh. Am Ende werden ´s noch gestochen!“ – erkläre ich sehr bedauernd, dass ich selbst keinen Fernseher mehr habe, weil zuviel Stress, Reizüberflutung, nur Schmarrn und bad News zu sehen und Ruhe brauch ich auch. Aber vor allem habe ich leider keine Ahnung, wie man das Gerät hier einschaltet. Und sorry, aber ich muss jetzt ganz schnell aufs Klo.

Den Rückweg zögere ich hinaus. Drehe eine Runde durch die Station, gehe gedankenlos den Gang hinauf, zu den großen 6er-Zimmern. Wo eine betroffene Oberärztin den Angehörigen der alten, südländischen Dame, die vor kurzem eingetroffen ist, erklärt, dass man nur noch die Schmerzen stillen könne, sie umsorgen kann und „es“ vermutlich nicht mehr lange dauern wird. Man werde versuchen, ein ruhiges Zimmer für sie zu finden.
Tränen fließen, Hände werden gerungen, umklammern andere. Eine Familie im Ausnahmezustand.

Mir ist schlecht. Richtig schlecht. Ich spüre Tränen und Magensäure aufsteigen und weiß nicht, ob aus Wut oder wegen der greifbaren Trauer.
Es tut weh hinzusehen. Es tut weh es hören zu müssen und lässt sich doch nicht vermeiden. Der Gang ist zu eng hier, ich bin schon zu nah und habe zu spät gemerkt, was das für ein Gespräch ist. Eine junge Frau blickt zu mir herüber. Tränen im Gesicht, Tränen in den Augen. Unser Blicke treffen sich und ich nicke ihr leicht zu. Sie nickt zurück, hat die Botschaft verstanden und sich bedankt. Ohne Worte.

Im Zimmer retour fürchte ich eine weitere Redelawine. Aber die Krankenhaus-Seelsorgerin ist da und bekommt die Lebensgeschichte frisch serviert. Im ausführlichen Modus, mit allen Unterkapiteln und es werden nun auch Namen genannt. Also NAMEN! Von den HÖCHSTEN! Die Seelsorgerin ist eine bessere Zuhörerin als ich, gibt an passenden Stellen bedauernde Seufzer und mitfühlende Worte von sich, wofür ich sie rückhaltlos bewundere.
Ob ein Priester gewünscht wird, ist eine Frage, die sie in einer Redepause stellen kann. Und ob man der armen Frau für die Zeit, die sie im Krankenhaus sein müsse, täglich die Kommunion bringen solle. Ein Strahlen geht über das Gesicht der alten Dame, ein Glückslaut entfleucht und sie bedankt sie überschwenglich. Denn nun geht es ja ans Sterben, das muss so sein und sie hat keine Angst, denn das Leben war so gut zu ihr, hat ihr so viel gegeben. Sie geht mit leichtem Schritt und fröhlich. Und nun auch mit priesterlichem Segen und der heiligen Kommunion, täglich frisch serviert.

Mein Sarkasmus brennt mit Magensäure in meinem Hals um die Wette. Ich würge beide hinunter, ebenso den Spruch „So schnell stirbt es sich nicht„. Sie würde es nicht verstehen, vermutlich nicht mal hören. Hier steht kein Tod am Krankenbett, auch nicht im heiligen Schatten. Er ist am Ende des Ganges beschäftigt, im großen, „schönen“ 6er-Zimmer, wo eine Familie weinend die Hände ringt.

Ich nehme meine Kopfhörer raus und suche im Internet ein bestimmtes Lied, dass ich in Gedanken seit ein paar Minuten in Gedanken immer wieder höre – rostige Flügel. Alt und absolut „not my kind of town“, aber ich brauch das jetzt.
Und während die ersten Klänge meinen Gehörgang gegen den Redeschwall der alten Dame abdichten, überlege ich, ob auch ein Heiligenschein Rost ansetzen kann und was es braucht, damit er das tut.

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Schräge G´schichten: Der traurige Haken

Die fünfte schräge G´schicht in der Kategorie … aber das ist eine andere Geschichte, inkl. zweier dazugehöriger Zeichnungen für die#30SkizzenimNovember, die Zeichenaktion der Freiraumfrau. Und es ist eine philisophische Geschichte rund um sich auf seltsame Weise offenbarende Erkenntnisse.
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30 Skizzen = 10 schräge Geschichten – Nr. 5:

Der traurige Haken

Das Leben ist manchmal ungerecht und Monsieur Karma kann sich fallweise als echte Bitch erweisen. Nicht nur bei Menschen, Tieren oder Pflanzen. Auch für Dinge gibt es Schicksale, die man nur als traurig bezeichnen kann. Ob die Dinge das auch so sehen, ist eine andere Sache.

Bei dem kleinen Haken am WC sieht es jedenfalls so aus, als hätte er ein sehr trauriges Los im Lebenstopf gezogen. Ich sehe in täglich mehrmals, aus crohnischen Gründen. Denn Handyempfang und Wlan sind am Krankenhausklo mager bis gering. Abgesehen davon soll man sich ja hier aufs Wesentliche konzentrieren, unhygienisch ist es auch usw. usf.

Also schweift der Blick umher und wenn man dank lieben Herrn Crohn viel Zeit an solchen Orten verbringt, registriert Frau auch die kleinen Dinge. Wie eben den grauen, ehemals silbrigen Haken, der rechts von der Klomuschel und in seltsamer Höhe montiert ist. Nicht oben an der Wand, damit man Bademantel oder Tasche aufhängen kann. Nicht in Waschbeckenhöhe, für allfällige Toilettebeutel. Nein, er hängt ca. einen halben Meter vom Boden entfernt optisch sinnlos rum.

Tagein, tagaus, bei jedem Klobesuch grübel ich, was er für einen Sinn im Dasein hat. Und verfluche zugleich den, der ihn montiert hat, denn mein pedantisches Monkauge kreischt jedesmal auf: die Fliesenfuge ist nicht mittig. Bzw. der Haken ist nicht mittig auf ihr montiert.
Das. geht. gar. nicht.
Entweder mittig in die Fuge oder mittig in die Fliese oder zumindest in einem gefälligen Abstand zur Fuge, idealerweise im goldenen Schnitt.
Aber verdammt nochmal doch nicht einfach so! Es tut weh, es verursacht mir Stress, mehr als man an diesem Ort haben sollte. Aber es passt auch zum Rest der hakenden Erscheinung.

Er wurde sichtlich schon lange nicht genutzt. Vielleicht weil keiner eine Ahnung hat, wofür er gedacht ist. Die obere Schraube wirkt wie ein Zyklopenauge, dass schon viel zu viel gesehen hat. Was auf Krankenhaustoiletten schnell passiert. Die untere Schraube sieht aus wie ein verschlossener Mund, einsilbig, resigniert, mit müde hängenden Mundwinkeln.

Ich habe ihn zuerst für eine Einzelerscheinung gehalten. Im Sinne von: „Da war noch ein Haken über, Chef, ich hab ihn einfach irgendwo montiert.“ – „Passt, alles klar. Nun hängen Sie noch die Klopapierrollen verkehrt auf und Feierabend.
Aber der traurige Haken hat Kollegen in den anderen Toiletten. Neben jeder einzelnen Stationsmuschel ist ein trauriger, mattsilbriger Haken montiert und alle blicken resigniert, als hätten sie mit ihrem Hakendasein abgeschlossen. Es muss also einen Sinn geben für diese Metalloktopusse, die mit zwei wartenden Armen auf etwas Unbekanntes warten, um es sicher zu halten.

Das Rätsel um den Sinn dieses Hakens beschäftigt mich – ich habe allerdings auch nicht viel anderes zu tun hier. Lesen, Videos schauen, Untersuchungen absolvieren, Infusionen inhalieren, aufs nächste Essen (und eine entsprechende Verbesserung desselben) warten … und über den traurigen Haken am Klo nachdenken.
Die großen Rätsel der Menschheit sind im Krankenhaus weit weg. Brainfog und Fatigue sorgen dafür, dass man sich mit tieferer Philosophie in kleinem Ausmaß beschäftig und trostlose Haken bieten ausreichend Raum dazu.

Des Rätsels Lösung, der Sinn der Hakenexistenz erhellt sich mir ein paar Tage später per Zufall und wie so oft liegt die Antwort näher, als man denkt.

So gnä Frau, jetza gemma aufs Klo. Bring Sie gleich rüber, den Katheterbeutel nemma mit, ja klar. Schaugns, da simma schon, gleich sitz ma am Thron – Ha Ha – und daaaaa häng ma das Sackerl auf. Wenns fertig sind läutens bidde!

Ich stehe im Gang, am Weg zu meinem Thron und werde unfreiwillig Ohrenzeugin dieses Dialogs.

Man sagt, dass die Erleuchtung oft wie ein Sonnenaufgang über einen kommt. Manche erleben diesen Moment in einer Art mentalem Cinemascope, mit konzertanter Musik. Ein Vorhang hebt sich, Wolken lösen sich auch, die Nebel des Geistes lichten sich und man sieht die Lösung, erkennt die Antwort, versteht das Unverständliche, ist dem ultimativen Wissen einen Schritt näher. Ohm.

Ich steh einfach nur mitten am Gang, eingefroren in der Bewegung, und blicke blicklos eine mausbeige Wand an, während in meinem Inneren der Groschen fällt und das auch noch hämisch kichernd. Die Reinigungskraft winnert den Boden um mich herum und wundert sich nicht über die Statue im Weg – solche katatonische Erkenntisstarren dürften hier öfter passieren.

Haken 2 - Schräge G´schichten: Der traurige Haken

Klar, ganz klar – der Haken hält den Katheterbeutel für die, die den Rest des Stoffwechsels am Locus erledigen wollen und können. Er ist der Pissbeutelhalter. Darum die Höhe, darum der Eindruck, dass der Haken kaum bis nie genutzt wird. Darum der frustrierte, traurig-resignierte Gesichtsausdruck mit dem unsichtbaren Motto, dass sowieso schon alles egal ist, man nicht tiefer sinken kann.

Weil der kleine trostlose Haken sich in seinen Nicht-Mal-Scheiß-Job drein gefunden hat.
Aber immerhin hat er für manche eine tragende Funktion inne.

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